aubib.de | Blog https://www.aubib.de/blog/ Sat, 06 Mar 2021 00:33:31 +0100 Sat, 06 Mar 2021 00:33:31 +0100 t3extblog extension for TYPO3 Fake News – Teil 3: wie man sie erkennt #aubib Tue, 02 Mar 2021 13:00:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/02/fake-news-teil-3-wie-man-sie-erkennt/ post-571 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/02/fake-news-teil-3-wie-man-sie-erkennt/ Student/in Wie erkennt man Fake News? Am besten mit ZARKA! Fake News – Teil 3: wie man sie erkennt by Student/in 02-03-21

Categories: Gedankensprünge Fachliches

In unserer Blogserie über Fake News müssen wir uns abschließend natürlich auch mal fragen, was wir gegen Fake News tun können bzw. wie wir sie als solche erkennen. Mit der Frage sind wir nicht allein im Bibliothekskosmos: Die IFLA hat hierzu nämlich schon mal ein schönes Poster erarbeitet (hier in vielen verschiedenen Sprachen zum Download).

Alternativ präsentieren wir auf aubib die ZAKKA-Methode. Noch nie gehört? Aber vielleicht habt ihr schon was vom CRAAP-Test gehört? Das ist eine Art Checklist, die an amerikanischen Unibibliotheken seit mehreren Jahrzehnten zum Standard gehört, um Erstsemestern wissenschaftliches Arbeiten beizubringen. Entwickelt wurde er an der California State University in Chico.

Da er aber ein paar Schwächen hat, z.B. das Hinausgehen über die Quelle nicht richtig berücksichtigt, haben wir ihn hier mittels einer anderen Methode names SIFT von Mike Caulfield etwas angepasst, und daraus auf Deutsch ZAKKA gemacht. So ein Akronym hat ja den Vorteil, dass man sich an den Buchstaben entlang hangeln kann, um keinen Punkt auf der Checkliste zu vergessen. Nicht zuletzt werdet ihr etwas über Elfenfotos, Erdnussbutter als Einstiegsdroge und eine falsche Königin erfahren. Los geht‘s!

 

Z für Zweck:

Was ist das Ziel des Autors? Will er informieren oder etwa unterhalten, jemanden zu Handlungen auffordern, etwas verkaufen? Drückt die Information vor allem persönliche Meinung aus oder ist der eingenommene Standpunkt neutral und möglichst objektiv? Kann man z.B. ideologische, politische, kulturelle oder persönliche Voreingenommenheit/Vorurteile erkennen?

Hier ein Beispiel des Blogs Archivalia:

Der Beitrag vom August 2015 trägt die Überschrift „Unfähiges LG Hamburg rechtfertigt Beuthelschneiderei“. Das geübte Auge erkennt hier schon einen wertenden Begriff. Der Beitrag will also vor allem Meinung ausdrücken. Besonders pikant an dem Beitrag: er enthält ein Zitat der Originalquelle, das gezielt verändert wurde. Im Originaltext heißt es:

„Dieser Einschätzung schließt sich die Kammer an“.

Daraus wird auf Archivalia der Satz:

„Dieser unglaublich dummen und obsoleten Einschätzung schließt sich die Kammer an.“

Der Satz wurde bei Archivalia als Ganzes kursiv gesetzt, um ihn als Zitat zu kennzeichnen, die Veränderung des Zitats hingegen ist nicht kenntlich gemacht.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Meinung hat ihre Legitimation, und meinungsfördernde Beiträge haben ihren Platz in der bunten Medienwelt, sie erfordern vom Leser aber auch als solche erkannt und eingestuft zu werden. Die bewusste Veränderung des Zitats, ohne dies kenntlich zu machen, erschwert eine sachgerechte Einstufung.

Ein anderes Beispiel sind satirische Informationen. Hier ist der Zweck die Unterhaltung. Interessant wird es dann, wenn die Satire nur schwer erkennbar ist: Der britische TV-Sender Channel 4 sendete am 1. Weihnachtsfeiertag eine satirische Weihnachtsansprache der „Queen“, die mittels Deepfake-Technologie und Stimmenimitatorin täuschende Ähnlichkeit zur Original-Weihnachtsansprache der echten Queen aufwies, die am gleichen Tag ausgestrahlt wurde. In diesem Fall war der Zweck der Satire klar zu erkennen, da die „gefälschte Queen“ im Video Witze reißt und auf dem Tisch tanzt. Was aber, wenn sich jemand Deepfake-Technologien bedient, um Fälschungen herzustellen, die auch von Spezialisten nicht mehr als solche erkannt werden?

 

A für Aktualität:

Hier hilft die einfache Frage: Ist die Information aktuell? Wann wurde sie erstellt?

Informationen können nicht mehr auf dem neuesten Stand sein, was auch bewusst eingesetzt werden kann. Beispiel gefällig?

Wie der BR berichtete, wurde im Dezember 2020 in Bayern per Post ein coronakritischer Flyer verteilt. Darin das Zitat eines Chefarztes mit der Aussage, dass Corona nicht gefährlicher als eine Grippe sei. Das Zitat stimmte, doch das Problem daran: die Aussage stammt vom Februar 2020, als die Datenlage noch eine andere war: es waren nur wenig Infektionsfälle bekannt und aus China gab es nur dürftige Informationen. Wenig später setzt sich die Erkenntnis durch, dass Corona eben doch gefährlicher als eine Grippe ist. Statt der relevanten, genaueren und aktuelleren Information wurde hier also bewusst eine veraltete Information verbreitet, die nicht mehr den Erkenntnissen entspricht.

 

K für Korrektheit:

Damit ist das eigentliche Fact-checking gemeint: Stimmt die Information, sprich: werden Quellen und Nachweise für die Information genannt? Wenn ja, stimmen die Angaben in der Quelle mit der Behauptung überein? Kann man die Information mittels einer anderen Quelle verifizieren? Nicht zuletzt kann man Hinweise auf Falschinformationen auch darin finden, wenn man sich fragt: ist die Argumentation logisch? ist die Information sorgfältig geschrieben oder strotzt sie nur so vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern?

Unser Beispiel kommt wieder mal aus England:

Im Dezember 1920 (also vor etwas mehr als genau 100 Jahren) erschien in der Zeitschrift The Strand Magazine ein Artikel von Arthur Conan Doyle, dem weltberühmten Autor der Sherlock-Holmes-Geschichten. Darin publizierte er Fotos zweier Mädchen, wie sie in der Natur von tanzenden, kleinen Elfen umgeben sind, die scheinbar in der Luft schweben. Doyle kam begeistert zum Schluss, dass damit die Existenz dieser übernatürlichen Wesen tatsächlich bewiesen war. Die Fotos hatte Doyle über Umwege von den beiden Mädchen, Elsie Wright (19) und Frances Griffiths (13) bekommen, die auf den Fotos zu sehen sind. Die beiden Kusinen hatten die Fotos selber angefertigt und behaupteten, ihnen würden regelmäßig Elfen erscheinen.

Doyle wollte sich absichern und fragte beim Filmhersteller Kodak an, der ihnen nach Prüfung versicherte, es gäbe keinen Hinweis darauf, dass die Fotos gefälscht seien. Die öffentliche Reaktion darauf war teils skeptisch, teils anerkennend. Die Fotos sahen echt aus, aber niemand hatte eine gute Erklärung, wie das möglich war. Die Legende der sogenannten Cottingley Fairies war geboren!

Doyle hätte allerdings hellhörig werden müssen, denn eigentlich wurde nicht nur Kodak um eine Expertenmeinung gebeten, sondern auch der Filmhersteller Ilford, der sich klar darauf festlegte, die Fotos enthielten „Hinweise auf Fälschung“. Doch erst in den 70ern führte man eine computergestützte Analyse der Bilder durch, die Fäden im Bild zeigte, an denen die „Elfen“ aufgehängt worden waren, um im Bild zu „schweben“. 1983 gaben die Kusinen schließlich zu, dass die „Elfen“ nur Kopien von Zeichnungen aus einem Kinderbuch waren, die sie selbst abgezeichnet hatten und an Fäden ins Bild gehängt hatten. Ein Vergleich mit den Zeichnungen und das Nachgehen von Indizien hätte die Fälschung schon früher offenbart.

 

K für Kontext:

Beantwortet die Information die gestellte Frage? Bezieht sie sich auf das Thema? Und vor allem: Ist der genannte Kontext wirklich der Originalkontext?

Gerade Klatschzeitschriften und Boulevardpresse entreißen oft Informationen ihrem Originalkontext, um verkaufsfördernde Schlagzeilen zu generieren.

Am 10. Februar etwa hatte die Illustrierte „Das neue Blatt“ folgende Schlagzeile auf ihrem Cover:

„Meghan & Harry: Bitteres Ehe-Aus: Er geht zurück nach England – allein!“

Erst bei Einsicht in den Artikel im Inneren des Hefts wird klar, worauf die Schlagzeile basiert: Einerseits wird einfach seitens der Redaktion darüber spekuliert, wie lange die Ehe noch hält – von einer tatsächlichen Trennung bzw. Scheidung kein Wort und keine Belege. Hier wird also einmal eine vage eigene Spekulation kurzerhand zum Fakt gemacht.

Zum zweiten erfährt man, dass Harry in Kürze eine kurze Reise nach England zum Geburtstag der Queen machen soll, während Meghan in Kalifornien bleiben soll. Es handelt sich also um eine kurze Reise, die Schlagzeile „Er geht zurück nach England – allein“ suggeriert aber einen dauerhaften Wegzug. Hier wurde also der Kontext bewusst verändert, um eine Falschinformation zu erzeugen.

Ein weiteres, schönes Beispiel, dieses Mal aus den USA:

Dort berichteten zahlreiche Medien im Herbst 1969 über einen neuen nationalen Trend unter Jugendlichen: Sie würden sich eine Mischung aus Erdnussbutter und Mayonnaise als Droge spritzen. Drogenexperten hatten sich darüber zuvor geäußert, nachdem sie von Jugendlichen gefragt worden waren, ob man von Erdnussbutter und Mayonnaise „high“ werden kann. Sogar in Regierungsdokumenten wurde darüber gesprochen. Allerdings gab es diesen Trend nie. Was war also passiert?

Mit genauer Sicherheit lässt es sich nicht rekonstruieren, eine glaubwürdige Erklärung ist aber folgende: „peanut butter“ und „mayonnaise“ galten damals als Slangwörter für härtere Drogen (Metamphetamine und Heroin oder Kokain), die aber natürlich illegal waren und nicht einfach zu bekommen. In diesem Kontext ist es hilfreich zu wissen, dass damals alles mögliche ausprobiert wurde, um sich legal mit einfachen Mitteln zu berauschen: man rauchte Blätter aller möglichen Pflanzen und inhalierte Öle und Substanzen auf der Suche nach einem „Kick“.

Der Ablauf lässt sich dann folgendermaßen skizzieren:

1. Jugendliche High-School-Schüler hören von „peanut butter“ und „mayonnaise“ als Drogen in ihrem Slangkontext, sind neugierig, misinterpretieren die Wörter aber.

2. Drogenexperten werden von Jugendlichen gefragt, ob man von Erdnussbutter und Mayo high wird. Diese fragen sich (skeptisch), ob das tatsächlich ein Trend ist bei einzelnen Jugendlichen, und berichten davon auf Tagungen.

3. Medien greifen das auf, lassen skeptischen Verdacht zu Fakt werden, verallgemeinern den Kontext pauschal und machen daraus einen „nationalen Trend“: Unsere Jugend spritzt sich Mayo und Erdnussbutter intravenös!

Das Beispiel zeigt sehr gut, wie eine verunfallte Fehlinformation mit Übertreibung und Kontextentstellung zu einer krassen Falschnachricht werden kann. Ach ja, falls jemand fragt, ob man jetzt eigentlich wirklich davon high werden kann: nein! ;-)

 

A für Autorität:

Was qualifiziert den Autor der Information? Ist sein Name und sein Hintergrund angegeben? Gibt es z.B. ein Impressum, eine Kontaktmöglichkeit? Steckt hinter dem Namen ein anderer Akteur (etwa eine Firma)? Wenn in einer Information „Experten“ zitiert werden, wer sind sie und was qualifiziert sie?

Relativ „einfach“ ist der Fall dann, wenn man ermitteln kann, dass hinter einem Account nicht die Person steckt, als die sich der Account ausgibt. So fiel im November 2020 Donald Trump auf ein gefälschtes Twitterprofil rein, der sich als Trumps Schwester Elizabeth Trump ausgab, und einen Unterstützungstweet absetzte.

Trump kam es nicht in den Sinn, sich zu fragen, warum das Twitterprofil nur einen Tag alt war und warum die Bilder von Elizabeth in den Tweets nicht von ihr selbst gemacht worden waren, sondern von der Bildagentur Getty Images gekauft waren. Am einfachsten hätte er es natürlich gehabt, wenn er seine Schwester einfach angerufen hätte.

Komplexer werden die Fälle, wenn der Autor einer Information schon ein gewisses Ansehen besitzt. Dann werden Falschinformationen möglicherweise gar nicht erst angezweifelt, Indizien nicht nachgegangen. Das zeigt eindrucksvoll die Affäre um den Journalist Claas Relotius 2018.

Mindestens 14 seiner Artikel und Reportagen für den Spiegel enthielten Fälschungen, also etwa frei erfundene Personen, Details, Interviewaussagen etc. Teile ganzer Reportagen waren erdichtet. Da Relotius aber zahlreiche Journalistenpreise gewonnen hatte, genoss er hohes Ansehen in der Community. Erste Hinweise auf Falschinformationen wurden daher lange ignoriert. Erst konsequentes Fact-checking des Kollegen Juan Moreno führten zur Aufklärung. Auch Autoritäten sollten also hinterfragt werden.

 

Zum Schluss: Was hat das Ganze eigentlich mit uns Bibliotheken zu tun?

Die Antwort erscheint relativ einfach: wir als Informationsdienstleister müssen nicht nur Information zur Verfügung stellen, nicht nur darauf hinweisen, wo man sie finden kann, sondern unseren Nutzern auch das Werkzeug an die Hand geben, damit umzugehen. Wir haben schlichtweg ein Interesse daran, dass unsere Nutzer falsche von echten Informationen trennen können, dass sie Informationen richtig einschätzen können, sie in ihrem Kontext sehen und bewerten, und nicht zuletzt sollen sie Informationen ethisch und wissenschaftlich richtig weiterverwenden.

Kurzum: Wir haben ein Interesse an informationskompetenten Nutzern: wer Fake News erkennt, kann im Prinzip auch wissenschaftlich oder journalistisch tätig sein und umgekehrt: wer wissenschaftliche Techniken zur Überprüfung von Informationen beherrscht, kann auch Fake News erkennen. Werden diese Kompetenzen von vielen Menschen beherrscht und angewandt, trägt dies insgesamt zu einer aufgeklärten, mündigen Gesellschaft bei.

 

(Bildnachweis: Gerd Altmann, via Pixabay)

(ag)

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Fake News – Teil 2: wie sie funktionieren und was sie bewirken #aubib Tue, 23 Feb 2021 18:15:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/23/fake-news-teil-2-wie-sie-funktionieren-und-was-sie-bewirken/ post-570 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/23/fake-news-teil-2-wie-sie-funktionieren-und-was-sie-bewirken/ Student/in Zuletzt haben wir in diesem Blog uns gefragt, woher Fake News kommen und welche Rollen unsere Social-Media-Blasen dabei spielen. Wir wollen in diesem Beitrag noch beleuchten, wie Fake News eigentlich... Fake News – Teil 2: wie sie funktionieren und was sie bewirken by Student/in 23-02-21

Categories: Gedankensprünge

Zuletzt haben wir in diesem Blog uns gefragt, woher Fake News kommen und welche Rollen unsere Social-Media-Blasen dabei spielen.

Wir wollen in diesem Beitrag noch beleuchten, wie Fake News eigentlich funktionieren und was sie mit uns als Gesellschaft machen.

Fake News nimmt Wahrheiten und verdreht sie

Was den Umgang mit Fake News problematisch und auch unheimlich schwierig macht: ein Teil der Information stimmt oft, ein anderer Teil wird jedoch frei erfunden oder der ursprüngliche (wahre) Teil wird übertrieben, in einen anderen Kontext gesetzt, falsch oder selektiv interpretiert, so dass dabei bewusst eine neue Information suggeriert wird, die als Ganzes unwahr ist.

Ein kleines, aktuelles Beispiel:

Auf Twitter wurde vor Kurzem ein privater Blogpost einer Schweizer Seite namens legitim.ch verbreitet. Die Überschrift: „Johns Hopkins University bestätigt: Impfverweigerer können mittels PCR-Test geimpft werden!“

Der Blogartikel führt anschließend aus, es gäbe eine neue Technologie, die von besagter US-Universität entwickelt worden sei, und „heimliche Impfungen mittels PCR-Test“ ermöglichten. Dazu werden kleinste Metallteile, sogenannte „Theragripper“ in den Magen eingeschleust, die die zu verabreichende Substanz tragen. Verlinkt wird als Quelle dabei tatsächlich auf eine Webseite der John-Hopkins-Universität.

(Anschließend folgt eine Aneinanderreihung von Absätzen über diese von der Regierung geplanten „Menschenversuche“, angebliche genetische Veränderungen, die der Impfstoff hervorrufen soll, Telegram und schließlich geht es noch um Nena...).

Schaut mit in die Originalquelle der John-Hopkins-Universität und liest sich alles dort durch, sieht man: ein Teil der Information stimmt: nämlich, dass dort tatsächlich eine Technologie namens „Theragripper“ entwickelt wurde, die mittels Metallteilen Arzneimittel besser in den Magen-Darm-Trakt einbringen soll.

Das war‘s dann aber schon bezüglich der Übereinstimmungen. Nirgendwo ist die Rede davon, dass die Technologie eingesetzt werden soll, um Impfstoff zu verabreichen. Es geht um Arzneimittel für den Magen-Darm-Trakt. Auch ist nirgendwo die Rede von Impfverweigerern oder PCR-Tests. Somit ist auch die Schlagzeile „Johns Hopkins University bestätigt: Impfverweigerer können mittels PCR-Test geimpft werden!“ vollkommen erlogen.

Auf legitim.ch wird der Artikel mit einem Foto eines Wattestäbchens bebildert, dazu die Bildüberschrift „Gemäss der Johns Hopkins University werden die Theragrippers tatsächlich mit einem Wattestäbchen verabreicht.“

Im Originalartikel findet sich in der Tat zwar dasselbe Wattestäbchen-Bild, die Bildunterschrift dort lautet aber „A theragripper is about the size of a speck of dust“. Es handelt sich also um einen illustrativen Größenvergleich. Davon, dass Theragripper mit einem Wattestäbchen in den Körper gelangen sollen, ist auch hier keine Rede. Soweit das Beispiel, von denen es unzählige gibt.

Im günstigsten Fall kann sich die neue Falschinformation weit verbreiten, weil ihr die Aura der Glaubwürdigkeit anhaftet: „Seht her! Hier sind meine wissenschaftlichen, seriösen Quellen! (aber bitte nicht nachprüfen)“…

Interessant ist übrigens, dass dieser Mechanismus auch ein Stilmittel der Satire und der Parodie ist: man nimmt einen Teil der Wahrheit und dichtet etwas hinzu, oder übertreibt ihn, die Übertreibung oder Darstellung ist dabei aber in der Regel so extrem und unglaubwürdig, dass die Parodie als solches erkannt wird. Besonders belustigend ist es natürlich, wenn die Parodie so gut gemacht ist, dass sie von einzelnen Persönlichkeiten nicht erkannt wird, wie im Beispiel der Politikerin Beatrix von Storch, die auf einen Artikel des Satiremagazins Der Postillon reinfiel, der behauptete, die Fußball-Nationalmannschaften würden zugunsten einer EU-Mannschaft abgeschafft.

Fake News lassen keine Gegenstimmen zu

Besonders wenn man sich als Leser in einem Thema nicht sehr gut auskennt, scheint die Argumentation von Fake News auf den ersten Blick oft logisch. Kennt man sich gut aus, erkennt man sachliche Widersprüche. Aber auch als Nicht-Experte kann man Fake News entlarven. Fake News lassen nämlich in der Regel keine Gegenstimmen zu, es wird nicht abgewogen zwischen mehreren Positionen. Kommen in einem Bericht nur Expertenmeinungen vor, die in eine Richtung gehen, kann man sich fragen, ob nicht etwa andere Argumente oder Meinungen ausgeblendet wurden.

Klimawandel-Leugner etwa wählen manchmal einige Fakten und Studien aus, die ihre Ansicht stützen, ignorieren dabei aber alle anderen Studien, die ihrer Theorie widersprechen und die die überwältigende Mehrheit aller Studien zum Klimawandel ausmacht. - Ein Effekt, den man Rosinenpicken nennt (bzw. auf Englisch pickt man Kirschen: „cherrypicking“). Relevante Informationen werden bewusst weggelassen oder ignoriert.

Beim Leser führt das wiederum zu selektiver Wahrnehmung: ihm werden viele kleine Informationen angeboten, die an und für sich faktisch nicht unwahr sind, aber da die Gegenperspektive fehlt, ergibt das ein einseitiges Weltbild, das wiederum nicht der Realität entspricht. Oder anders ausgedrückt: Willkommen zurück in der Blase!

Dabei haben wir schon gesehen, dass das Verbleiben in der Blase unheimlich bequem ist. Wir mögen unser Weltbild und ein Umfeld, das das gleiche Weltbild hat wie wir! Denken und ständiges Hinterfragen strengt unglaublich an, und man will ja auch nicht unbedingt die „Clique“ aufgeben, mit der man sich mittels seines Weltbildes angefreundet hat. Je enger diese miteinhergehende soziale Bindung an einzelne Personen ist, desto anfälliger sind wir auch für Fake News. Das macht es noch schwerer, aus der Blase wieder rauszukommen.

Dieser Kreislauf führt dazu, dass wir instinktiv das glauben, was wir glauben wollen. Was wiederum zum nächsten Problem führt:

Emotion ersetzt Information, Meinung ersetzt Fakten

Fake News bauen darauf, Emotionen hervorzurufen. Sie wollen den Leser in ihr Weltbild holen. Ist das mal geschafft, verstärkt sich diese Mischung aus Meinung und Emotionen und gewinnt manchmal die Oberhand über Informationen und Fakten. Das bedeutet, dass sich irgendwann die Auffassung durchsetzt, dass es gar nicht so relevant ist, ob eine Information wahr ist – sie muss nur in mein Weltbild passen. Wenn sie für mich bequem ist, glaube ich sie einfach. Wenn man so will, ist das eine Abkehr von der Welt von Wissen und Erkenntnis, in der wir uns seit zwei-drei Jahrhunderten befinden, und die verlangt, dass Informationen nachprüfbar sein müssen. Wenn jeder aber seine eigene Emotion als Maßstab nimmt, wird Wissen und Erkenntnis individuell.

Besonders herausfordernd wird das für eine Person, wenn sie dann mit Information konfrontiert wird, die eben nicht ins Weltbild passt. Solange man sie ausblenden und ignorieren kann, ist alles gut. Aber wenn man unfreiwillig damit konfrontiert wird, wird es hart. Dann verteidigt man „seine Informationen“ mit Sätzen wie „Ich glaube nicht an Corona“ oder bezeichnet sie, wie die Trump-Beraterin Kellyane Conway 2017, als „alternative Fakten“.

Oder man geht gleich zum rigorosen Gegenangriff über und diffamiert die Veröffentlicher unliebsamer Informationen als „Lügenpresse“ (oder „Fake News Media“ in Trumps Worten), beleidigt sie als „Systemnutte“, oder spricht von „Meinungsdiktatur“. Dieses panikhafte „Nicht-Wahr-haben-wollen“ führt schließendlich zu Hass, etwa wenn Fernsehteams auf Pegida-Demos attackiert werden.

Dabei darf man natürlich nicht verschweigen, dass die klassischen Medien durchaus auch einen Beitrag zu diesem Trend geleistet haben, indem sie die Lebenswelten von der Gesellschaft Abgehängter lange ignoriert haben (man könnte auch sagen, die Journalisten leben auch in einer Art Hauptstadtblase). Viele Menschen fühlen oder fühlten sich nicht mehr repräsentiert, woraus sich ein höheres Misstrauen ergibt, das nicht viel braucht, um sich zu Hass zu entwickeln.

Wohin führt das Ganze?

Das haben wir schon leicht angedeutet: wenn es keine gemeinsame Wahrheit mehr gibt und keine gemeinsamen Prinzipien, wie Wahrheit nachgewiesen wird, dann agiert jeder nach „seiner“ Wahrheit. Im einfachsten Fall führt das zu individuellen Gefahren: ich lehne z.B. eine lebensrettende Behandlung im Krankenhaus ab, weil ich in meiner Facebookblase was anderes gelesen habe.

Im weitergeführten Fall führt es dazu, dass kein gemeinsames Agieren einer Gruppe mehr möglich ist: es gibt keinen gemeinsamen Nenner. Handlungen werden gegenseitig blockiert, weil niemand sich vom anderen durch Logik und gemeinsame Kriterien überzeugen lässt. Ja, selbst die Position des Anderen wird nicht als legitim anerkannt. Insgesamt schwächt das also jede Art von Gemeinschaft, auch politische Formen, die auf Gemeinschaftlichkeit beruhen, wie Demokratie.

Die Schwächung kann dann wiederum in einer Spirale von Lagerdenken/Polarisierung münden, aus der im Extremfall gegenseitiger Hass und Gewalt entsteht.

Auch den etwas weniger wahrscheinlichen Fall gibt es: nämlich, wenn eine große Gruppe gemeinsam auf Fake News hereinfällt bzw. sich darauf einlässt. Dann ist zwar gemeinsames Agieren möglich, aber auf Basis falscher Information. Das führt zu Fehleinschätzungen und zu ungewünschten Ergebnissen. Im Extremfall zu Gefahren für die große Gemeinschaft als Ganzes. Nicht zuletzt ist so eine Gruppe dann anfälliger für Manipulation.

 

(Bildnachweis: Max Muselmann, via Unsplash)

(ag)

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adlr.link - der Katalog mit der schönsten Nutzer*innenoberfläche #aubib Fri, 19 Feb 2021 20:00:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/19/adlrlink-der-katalog-mit-der-schoensten-nutzerinnenoberflaeche/ post-569 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/19/adlrlink-der-katalog-mit-der-schoensten-nutzerinnenoberflaeche/ Student/in adlr.link - der Katalog mit der schönsten Nutzer*innenoberfläche adlr.link - der Katalog mit der schönsten Nutzer*innenoberfläche by Student/in 19-02-21

Categories: Bibliotheken | Deutschland Fachliches

Im Rahmen eines kleinen Projekts in meinem Kurzpraktikum an der Hochschule Augsburg bin ich auf den Katalog adlr.link gestoßen. Dieser ist das zentrale Nachweisinstrument des Fachinformationsdienstes für Medien-, Kommunikations- und Filmwissenschaft an der Universitätsbibliothek Leipzig; adlr steht dabei für Advanced Delivery of Library Resources. Begeistert hat mich an diesem direkt seine Aufmachung: übersichtlich, responsiv und farblich überaus ansprechend gestaltet. Ich bekam direkt Lust ein bisschen zu stöbern und ein paar Suchen abzusetzen - und das obwohl ich mit keiner der abgedeckten Fachdisziplinen bisher einen größeren Berührungspunkt hatte. 
So sollte ein Katalog im Jahre 2021 meiner Meinung nach aussehen (Stichwort UX) und gerade unsere Touchpoint-Oberflächen könnten sich hier einiges abschauen.
Kennt ihr noch weitere ansprechende Katalogoberflächen? Schreibts uns in die Kommentare :)

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Photo by Ben Kolde on Unsplash

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Fake News: warum es sie gibt und was Social Media damit zu tun haben #aubib Mon, 15 Feb 2021 19:45:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/15/fake-news-warum-es-sie-gibt-und-was-social-media-damit-zu-tun-haben/ post-568 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/15/fake-news-warum-es-sie-gibt-und-was-social-media-damit-zu-tun-haben/ Student/in Gab es Fake News schon immer? Und vor allem: was haben sie mit Social Media zu tun? Fake News: warum es sie gibt und was Social Media damit zu tun haben by Student/in 15-02-21

Categories: Gedankensprünge

Kaum noch einer kann ihn mehr hören, den inflationär verwendeten Begriff Fake News. Er ist zum Kampfbegriff geworden. Gerade in diesen Pandemiezeiten, in denen die Wissenschaft entscheidenden Einfluss auf unser Leben und unseren Alltag nimmt, nimmt ihn jeder in den Mund, um die jeweilige Gegenseite der Lüge zu bezichtigen. Und doch ist es elementar wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

Was charakterisiert Fake News?

1. ein (zumindest vager) Aktualitätsbezug oder zumindest eine aktuelle Relevanz

Klar, sonst würde es nicht Fake NEWS heißen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal (in Sprachstil und Aufmachung) sind Fake News oft an den Stil von Nachrichten angelehnt.

2. ihre absichtliche Verbreitung zu manipulativen Zwecken

Der Autor weiß, dass er entweder ungeprüfte oder bewusst falsche Informationen verbreitet, sein Ziel ist es nicht, neutral über einen Sachverhalt zu informieren, sondern zu manipulieren, Emotionen und Stimmungen zu erzeugen. Hier liegt der Unterschied zwischen der versehentlichen Fehlinformation (misinformation) und der gezielten Falschinformation (disinformation).

3. ihre massenhafte Verbreitung, besonders über Social Media

Dieses letzte Charakteristikum ist es, was man im modernen Verständnis unter Fake News versteht, und gerade das Aufkommen von Internet und Social Media hat diese neue Dimension möglich gemacht.

Im modernen Sinn ist der Begriff Fake News erst seit einigen Jahren verbreitet (und seit 2017 im Duden), im englischen Sprachraum wird er aber schon seit mindestens Ende des 19. Jahrhunderts benutzt für falsche Nachrichten im Allgemeinen.

Gab es Fake News also eigentlich schon immer?

Zumindest Fehl- und Falschinformationen sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie massenhaft zu verbreiten, war aber bis vor zwanzig Jahren nicht einfach. Unabsichtlich konnte das Journalisten und Autoren passieren, die handwerklich nicht ordentlich arbeiteten, und verbreitet wurde die „Ente“ dann in Presse, Radio und Fernsehen, oder gar im Buchhandel, bis jemand anderes den Fehler entdeckte. Absichtlich setzten agitatorische Gruppen und autoritäre Staaten Falschinformationen ein, etwa auf Plakaten – die klassische Propaganda.

Auch Boulevardmedien verbreiteten (und verbreiten immer noch) absichtlich falsche und irreführende Informationen, doch es gab nur wenige davon, die kannte man auch mit der Zeit und wer sich die Aufmachung der Schlagzeilen anschaute, konnte schon allein an Hand von äußerlichen Kriterien wie Schriftgröße und inflationäre Verwendung von Ausrufe- und Fragezeichen den Unterschied zu „Qualitätsblättern“ ausmachen.

Die Rollen waren klar verteilt: Wissenschaft, Medien, Verlagswesen und der Staat waren diejenigen die Information versendeten, und der einzelne Mensch war der Empfänger. Er konnte selber kaum Informationen großflächig verbreiten bzw. eine breite Masse erreichen, höchstens in seinem eigenen Umfeld und in Gruppen, in denen man sich vor Ort treffen musste (Stammtisch, Demonstrationen…).

Diese Rollenverteilung hat sich durch die interaktive Struktur des Internets massiv verändert. Zunächst waren es Foren und Blogs, später YouTube, in denen der Einzelne plötzlich mit „seinen“ Informationen andere großflächig erreichen konnte. Schließlich aber sind es Social Media wie Facebook und Twitter, bei denen jeder Inhalte „teilen“ kann und somit weiterverbreiten, wodurch jeder Einzelne plötzlich zum Sender wird. Die Entwicklung setzt sich gestützt durch Followerfunktionen und durch neue Kommunikationskanäle wie Telegram und Twitch weiter fort und beschleunigt die massenhafte, noch direktere und noch mehr zielgerichtete Verbreitung von Information.

In einer Informationswelt, in der aber jeder ein Sender ist, gibt es keine natürlichen Autoritäten mehr. Jeder muss selbst entscheiden, wem er glaubt, welche Quelle glaubwürdig ist, ist dabei aber permanent überfordert ob der Flut an Autoren und Informationen. Die klassischen Medien haben stark an Bedeutung verloren, und die Unterscheidung, ob eine Information wahr oder falsch ist, lässt sich heute nicht mehr so leicht rein äußerlich treffen. Formal erkennt man oft keine Unterschiede mehr zwischen einem seriösen und einem unseriösen Tweet. Man könnte sagen, Fake News haben sich professionalisiert. Dabei ist das Fehlen der natürlichen Informationsautoritäten eigentlich ein demokratischer Gedanke, weil jede Stimme gleich viel wert ist.

Die meisten von uns haben sich irgendwann ein „Paket“ aus Autoritäten zusammengestellt, bei denen sie sich Informationen holen – es wäre ja auch zu anstrengend, sich jeden Tag seine Quellen neu zusammenzusuchen und zu bewerten. Also sucht man sich einmal eine oder eine Hand voll Quellen aus und glaubt ihnen einfach. Für manche sind dies Tagesschau, SZ und Twitter, für andere Bild, tz und ein paar Influencer-Insta-Accounts, für viele aber sind es schlicht die Quellen, die ihnen ein Social-Media-Algorithmus auf Grund ihres bisherigen Such- und Like-Verhaltens vorschlägt: man landet in einer Blase.

Je mehr wir die Algorithmen von Google, Facebook & Co. mit unseren Suchanfragen, Likes und Abonnieren füttern, desto passgenauere Inhalte schlagen sie uns vor – und blenden gleichzeitig Information aus, die uns weniger „gefällt“.

Wir liken einen Post, in dem von Schäfern berichtet wird, die Angst um ihre Herde wegen Wölfen haben, und wir treten einer Gruppe bei, die den Einfluss von CO2 auf den Klimawandel bestreitet. Schwupps, haben wir den ersten Schritt in eine neue Blase getan. Je weiter wir uns in diese Blase hineinbewegen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass uns Inhalte vorgeschlagen werden, in denen Stimmen zu Wort kommen, die den Wolf für harmlos halten, oder Posts mit Gegenargumenten, die den CO2-Einfluss deutlich herausheben.

Die Informationen, die uns von nun an in unserer Blase präsentiert werden, bewirken, dass wir mit der Zeit glauben werden, Wölfe fressen Kinder und die Erderwärmung sei eine Lüge.

Nun eine entscheidende Frage: Kann die Blase platzen?

Bzw. gibt es einen Weg, aus der Blase wieder rauszukommen, in die man sich einmal begeben hat? Für die meisten Menschen wird das zu unbequem sein. Man kann immerhin in einem ersten Schritt schon sich selber darüber bewusst werden, dass man in einer Blase lebt – und so gut wie jeder von uns tut das!

In einem zweiten Schritt kann jeder entscheiden, die Information, die er darüber bekommt, eben auch mit einem kritischen Blick einzustufen, d.h. sich die Mühe zu machen, nicht sofort jede Information zu glauben, sondern sie auch mal zu hinterfragen. Die Blase wird dadurch nicht verschwinden, aber ihre Bedeutung wird abnehmen. Wenn wir dann noch in einem dritten Schritt regelmäßig neue und andere Quellen suchen und ebenfalls kritisch hinterfragen, können wir zu einer ausgewogeneren Perspektive kommen und sind weniger anfällig für Fake News.

Andernfalls können wir natürlich auch ein Heiligenleben ganz ohne Social Media führen. Aber wären wir damit nicht auch eine Minderheit, die wieder in einer eigenen Blase lebt? ;-)

(Bildnachweis: geralt, via Pixabay)

(ag)

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pl4net.info #aubib Wed, 10 Feb 2021 20:21:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/10/pl4netinfo/ post-567 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/10/pl4netinfo/ Student/in pl4net.net pl4net.info by Student/in 10-02-21

Categories: Allgemeines

Natürlich gibt es nicht nur aubib.de als bibliothekarischen Blog, sondern einen bunten Strauß an selbigen im Internet. Einen guten Überblick und zudem eine Verlinkung zu den Posts bietet Pl4net.info. Dies ist ein Aggregator für deutschsprachige bibliothekarische Blogs; die Posts aller deutschsprachigen bibliothekarischen Blogs werden also auf dieser Website angezeigt und verlinkt. So erhält man einen guten Überblick über die aktuelle Themenlage und jede*r kann sich die sie/ihn interessierenden Beiträge aus allen Blogs zusammensammeln.

Welche Blogs lest ihr - außer aubib natürlich ;) - noch so?

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Image by Gerd Altmann from Pixabay

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Online Dictionary for Library and Information Science #aubib Tue, 02 Feb 2021 20:30:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/02/online-dictionary-for-library-and-information-science/ post-566 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/02/online-dictionary-for-library-and-information-science/ Student/in Online Dictionary for Library and Information Science Online Dictionary for Library and Information Science by Student/in 02-02-21

Categories: Bibliotheken | International Fachliches

Gestern schrieb ich über den IFLA Green Library Award und habe dabei einfach angenommen, dass der Begriff der Green Library bzw. der Grünen Bibliothek selbsterklärend sei. Und in gewisser Weise ist er das ja auch: Grün assoziiert man seit einiger Zeit ja gerne mit Umweltfreundlichkeit und dem Schonen von Ressourcen. Dennoch ist es oftmals hilfreich, für Begriffe eine feststehende Definition zu haben, damit sichergestellt werden kann, dass im (internationalen) Diskurs über dieselbe Sache geredet wird und keine Missverständnisse entstehen. Aber wo finden wir nun eine gültige Definition von Green Library?

Eine Möglichkeit ist das Online Dictionary for Library and Information Science - kurz ODLIS.
Dieses frei online verfügbare Lexikon des Bibliotheks- und Informationswesens in englischer Sprache begann 1994 als vierseitiges Handout an der Ruth Haas Library, Western Connecticut State University, um Studierenden einen grundlegenden Überblick über Begriffe im Bibliotheksalltag zu geben. Über die Jahre wurde dieses Handout nun zunächst in ein HTML Format gebracht, Einträge wurden verlinkt und tausende neue Einträge wurden - unter anderem von den Nutzenden selbst vorgeschlagen - aufgenommen. Aus dem Handout wurde ein Wörterbuch.
Dabei enthält selbiges nicht nur Begriffe der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, sondern unter anderem auch des Druckens und Bindens von Büchern, der Buchgeschichte oder der Telekommunikation sowie der Computerwissenschaften. Die Nutzenden können nach wie vor aktiv zum Wörterbuch beitragen, indem sie Verbesserungsvorschläge zu Definitionen oder gar komplett neue Begriffe an die auf der Seite angegebenen Mailaddresse senden; diese werden dann geprüft und entsprechend eingearbeitet.

Wenn wir nun im Online Dictionary for Library and Information Science nach Green Library suchen wollen, fällt uns direkt auf: es gibt keine Suchfunktion - man kann lediglich nach den Buchstaben browsen. Klicken wir auf den Buchstaben G, erhalten wir eine lange Liste an alphabetisch geordneten Begriffen. Als internetaffine Menschen scrollen wir natürlich nicht bis zum gesuchten Begriff, sondern verwenden die Suchfunktion unseres Browsers (STRG + F) und kommen so bequem ans Ziel. Der Eintrag zu Green Library enthält eine Verweisung zum Begriff Sustainable Library, unter welchem wir letztendlich eine Definition finden.

Laut ODLIS ist eine Grüne Bibliothek ein solche, die darauf ausgelegt ist, die natürliche Umgebung so wenig wie möglich zu belasten, idealerweise an einem geeigneten Ort steht und aus natürlichen sowie biologisch abbaubaren Materialien errichtet wurde. Zudem schont sie die verwendeten Ressourcen und entsorgt ihren Müll auf verantwortliche Weise.

Diese Definition hat ihren Fokus augenscheinlich auf der Bibliothek als Gebäude und weniger als Institution. Da müsste man ja glatt mal eine Mail an ODLIS schreiben... ;)

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IFLA Green Library Award 2021 #aubib Mon, 01 Feb 2021 09:15:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/01/ifla-green-library-award-2021/ post-565 https://www.aubib.de/blog/article/2021/02/01/ifla-green-library-award-2021/ Student/in IFLA Green Library Award 2021 IFLA Green Library Award 2021 by Student/in 01-02-21

Categories: Bibliotheken | International

Noch bis zum 28.02.2021 können sich Bibliotheken für den IFLA Green Library Award 2021 bewerben. Dabei richtet sich der Award nicht nur allgemein an grüne Bibliotheken, sondern explizit auch an herausragende Projekte, Initiativen oder Ideen im Kontext grüner Bibliotheken, sodass eine Bewerbung nicht nur für die "Großen" auf diesem Feld interessant ist.

Kennt ihr Bibliotheken oder Projekte, die sich für diesen Award eignen würden? Oder habt ihr vielleicht sogar selbst in eurer Bibliothek ein grünes Projekt?
Schreibt es uns in die Kommentare :)

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Bibliotheksbenutzung „nach Corona“ - Eure Antworten #aubib Wed, 27 Jan 2021 14:45:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/01/27/bibliotheksbenutzung-nach-corona-eure-antworten-1/ post-564 https://www.aubib.de/blog/article/2021/01/27/bibliotheksbenutzung-nach-corona-eure-antworten-1/ Student/in Bibliotheksbenutzung „nach Corona“ - Eure Antworten Bibliotheksbenutzung „nach Corona“ - Eure Antworten by Student/in 27-01-21

Categories: Bibliotheken | International Projekt Fachliches

Im November haben wir euch nach euren Meinungen und Einschätzungen zum Benutzungsservice in der Zeit nach Corona gefragt und wie versprochen sind hier nun die Ergebnisse:

 

1. Was wird uns aus der "Corona-Zeit" erhalten bleiben?

 

Antworten zu Frage 1 (je größer dargestellt, desto häufiger genannt)
Antworten zu Frage 1

 

2. Was könnte sich deiner Meinung nach grundsätzlich ändern?

 

Antworten zu Frage 2 (je größer dargestellt, desto häufiger genannt)
Antworten zu Frage 2

 

3. Wo siehst du Chancen?
4. Was könnte deiner Ansicht nach schwierig werden? 

 

Antworten zu Frage 3 links und 4 rechts (Versuch einer gemeinsamen Darstellung, Unterteilung in die übergeordneten Themenbereiche in der Mitte durch die Autoren und nicht trennscharf)
Antworten zu Frage 3 und 4

 

Außerdem gab es auch beim Bibliotheksleitertag einen Vortrag zum Thema Perspektiven für wissenschaftliche Bibliotheken in der neuen Normalität, dessen Hauptthesen wir ebenfalls zu Rate gezogen haben und folglich auch hier mit aufführen wollen:

Besonders hervorgehoben wurde hier natürlich auch wieder die Digitalisierung als wichtige Perspektive, da die Verfügbarkeit von E-Books und digitalen Medien generell für die Nutzer*innen während Corona stark angestiegen ist und auch weiterhin steigt.

Aber ein besonderes Augenmerk in Bezug auf die Digitalisierung wurde auch auf die Mitarbeiter*innen geworfen, da diese in den Monaten zuvor, zwar gezwungenermaßen, aber dennoch, eine schnelle Aufarbeitung ihrer Medien- und Digitalkompetenz erfahren haben, unter anderem mit Tools wie Zoom oder Microsoft Teams. 

Aber da die Mitarbeiter*innen eine zentrale Ressource der Bibliotheken sind und weiterhin die Möglichkeiten haben sollen den besten Service bieten zu können, egal ob aus dem Homeoffice oder im Büro, soll die Digitalisierung nicht um jeden Preis stattfinden. Stattdessen soll eine Balance dazwischen gefunden werden, damit die persönliche Interaktion aufrechterhalten  werden kann und auch die Bibliotheken weiterhin als Begegnungszentren dienen können.

Beispiele hierzu gab es aus dem Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (ZBW), die auch in Zukunft beibehalten werden sollen: Unter anderem wurden zum Thema Digitalisierung Webinare gehalten bzw. ein internes Wiki mit Erklärungen aufgebaut und weiterhin wurden virtuelle Mittagessen und ein Zukunftscafé zum freiwilligen Themenaustausch veranstaltet.

Aber trotz der Vorteile, die die Digitalisierung mit sich bringt, birgt diese auch die Gefahr einer verstärkten Spaltung zwischen kleinen und großen Institutionen bzw. älteren und jüngeren Mitarbeiter*innen. Deshalb sind Vernetzungen und Partnerschaften jetzt wichtiger denn je: so können z.B. kleine Institutionen von solchen Kompromissen profitieren, indem große Institutionen diese in der Digitalisierung unterstützen und diese im Gegenzug auf mehr Budget aufgrund der Zusammenarbeit hoffen können.

Als Fazit kann man aber trotzdem sagen, dass die Corona-Krise als Katalysator für die Digitalisierung in Bibliotheken gedient hat.

 

Abschließend möchten wir uns nochmal herzlich bei allen bedanken, die ihre Meinung mit uns geteilt und uns dadurch unterstützt haben!

(ah, sw, tf)

 

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Besser schlafen… mit Büchern #aubib Fri, 08 Jan 2021 20:58:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/01/08/besser-schlafen-mit-buechern/ post-562 https://www.aubib.de/blog/article/2021/01/08/besser-schlafen-mit-buechern/ Student/in Was könnte schöner sein, als aufzuwachen und von einer Bibliothek umgeben zu sein? Besser schlafen… mit Büchern by Student/in 08-01-21

Categories: Gedankensprünge

Was könnte schöner sein, als aufzuwachen und von einer Bibliothek umgeben zu sein?

Es ist nicht erst seit gestern ein Trend: jede(r) von uns hat sicher schon schlafende StudentInnen im Lesesaal gesehen, wie sie zu einer beliebigen Uhrzeit – je nach Biorhythmus – ihren Kopf auf Laptop, Schreibunterlagen oder Bücher gesenkt haben, den Kapuzenpulli gleichsam einem abschirmenden Schlafsack über sich gezogen. Ein Schelm, wer sie verjagen wollte, schließlich wissen wir: Wer schläft, sündigt nicht...

Nur sind die meisten Bibliotheken nicht so eingerichtet, dass sie dem zeitlich begrenzten, jedoch anscheinend regelmäßigen Bedürfnis ihrer Lernenden entgegenkommen. Zwar wurden die Öffnungszeiten in vielen öffentlichen wie Unibibliotheken in den letzten Jahren so weit ausgeweitet, dass sie bis spät abends – manche auch 24/7 als „Open Library“ – den Aufenthalt gestatten. Von entsprechender Möblierung geschweige denn der schlaffördernden Dunkelheit aber sieht man oft keine Spur.

Betten und Liegen für den „Power Nap“ fehlen also. Dennoch hat sich in den letzten Jahren im Zuge des Selbstverständnisses als Lernort auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass man sich an verschiedene Lernsituationen bzw. Lerntypen anpassen müsse. Der eine lernt gerne auf dem Sofa, der andere im Stehen, ein dritter bevorzugt den klassischen unbequemen und unflexiblen Lesesaal-Holzstuhl. Wo man im Zuge dieser Erkenntnis auch bequeme Möbel reingestellt hat, begeben sich die Damen und Herren Studierende auch gern mal in die Horizontale, meist freilich (und hoffentlich) nur zum individuellen Schlafbedürfnis.

2014 startete ein Student der FU Berlin eine Petition, in der er gar einen Schlafsaal angrenzend an die Bibliothek forderte. Zitat: „Bei Schließfächer-Mangel und einer Philologischen Bibliothek, in der es bei Regen tropft, ist die FU ihren Studierenden wenigstens das schuldig!“ Mit nur 68 Unterstützern erzielte die Petition leider nur eine begrenzte Aufmerksamkeit. Ob die potenziellen Mitzeichner wohl zu müde waren?

Im Übrigen fordern ein guter Schlaf und ein langlebiges Buch im Wesentlichen die gleichen Umgebungsbedingungen: möglichst nicht zu warm (unter 18°C) und eine Luftfeuchtigkeit von 40-50% sowie möglichst wenig Licht sind gute Konservierungsbedingungen sowohl für Bücher als auch für schlummernde Menschen. Sollten wir also Schlafmöglichkeiten in abgedunkelten Freihandmagazinen schaffen? Hier tritt dennoch das Problem der dort häufig staubigen Umgebung auf.

Dass Bücher und schlafende Menschen jedenfalls gut zusammen passen, beweisen schon seit längerem Bibliotheken und Hotels (die sich in dem Fall nur durch den kommerziellen Aspekt unterscheiden): Im ostchinesischen Quinglongkeng (nein, den Namen hab ich mir nicht ausgedacht) steht seit Kurzem ein Kapselhotel mit großer Bibliothek. Zwischen den Regalen befinden sich Schlafkojen. Die gleiche Idee wurde in Tokio mit „Bed and book“ verwirklicht.

Auf dem europäischen Kontinent (wenn auch nicht mehr in der EU) befindet sich die Gladstone Library, in der Nähe des walisischen Städtchens Chester. Die Bibliothek wurde nicht nur 1894 von Premierminister William Gladstone gegründet und bietet einen erlesenen Altbestand von 150.000 Büchern, sondern bietet gleichzeitig die Möglichkeit, vor Ort im hauseigenen B&B für 87 Pfund (95 Euro) zu übernachten. Da die Bibliothek jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet ist, kann man von der Lektüre nahtlos ins Bett wechseln und umgekehrt.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Rocky Mountain Land Library (bei Denver, Colorado), eine naturwissenschaftliche Bibliothek mit 50.000 Büchern mitten in der Pampa, äh, Verzeihung, atemberaubenden Natur. Die Eröffnung separater Gästezimmer ist hier für 2021 geplant, schon jetzt kann man anscheinend aber unter freiem Himmel dort campen. Wer was über die Natur lernen will, die er dort vor Augen hat, hat gleich das richtige Buch in Reichweite.

In Deutschland findet sich ebenfalls ein gallisches Dorf, das das Prinzip Schlafen in Bibliotheken hochhält: die Stadtbücherei Nordenham (bei Bremerhaven, mhm das wäre mal einen Ausflug wert beim nächsten Bibliothekartag…). Die Bücherei bietet „Übernachtungen“ für Schulklassen an. Zitat:

„Der Knüller! Sie kommen am Abend mit Ihrer Klasse in die Bücherei und bleiben bis zum anderen Morgen. Die Kinder ‚schlafen‘ zwischen den Regalen.“

Ob das so bequem ist auf dem Boden?

Da wir schon dabei sind, soll hier natürlich auch das Library Hotel in New York (Zimmer ab 156 $ = 126 €/Nacht) erwähnt werden. Jedes der zehn Stockwerke entspricht einer der zehn Hauptklassen der Dewey Decimal Classification und ist entsprechend thematisch gestaltet.

Wer immer noch nicht von der Notwendigkeit schlaffördernder Maßnahmen für BibliotheksbenutzerInnen überzeugt ist, dem sei gesagt, dass die positiven Effekte von Schlaf auf Lernen und Gedächtnis schon lange bekannt und wissenschaftlich bestätigt sind. Wer etwa Vokabeln lernt und sich danach kurz hinlegt, kann sich anschließend an mehr erinnern als jemand, der keine Runde gedöst hat1. Schlaf hilft nicht nur dem Kurz-, sondern auch dem Langzeitgedächtnis, Lerninhalte abzuspeichern.

Fazit: Wer Lernort sein will, muss auch Schlafort werden. Also: Kissen raus, Kuscheltier daneben, Licht aus!

(ag)

(Bildnachweis: The Creative Exchange, via Unsplash)

1 Siehe Feil, Sylvia J. „Wir lernen im Schlaf.“ Chemie in unserer Zeit 41, Nr. 5 (2007), S. 358.

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Die Edelsteine (19) - Weihnachten #aubib Thu, 24 Dec 2020 08:40:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2020/12/24/die-edelsteine-19-weihnachten/ post-557 https://www.aubib.de/blog/article/2020/12/24/die-edelsteine-19-weihnachten/ Student/in Die Fortsetzung unseres bibliothekarischen Weihnachtskrimis. Bis Weihnachten präsentieren wir von Montag bis Freitag an dieser Stelle „Die Edelsteine“. Im Mittelpunkt: eine Regionalbibliothek und das... Die Edelsteine (19) - Weihnachten by Student/in 24-12-20

Categories: Adventskalender Lesestoff

Kapitel 19: Das Hollywood nicht besser hätte schreiben können

Matthias Couleuvre saß mit Handschellen auf einem Stuhl im Großen Saal der Bibliothek und schwieg. Neben ihm zwei Polizisten und hinter ihm Kommissar Feist. Seinen angeklebten Bart, Sonnenbrille und die blonde Perücke hatte man ihm abgenommen. Seine Augenringe hingen tief.

In einer anderen Ecke saß Josef, aufblickend.

Direktor Feichtenbeiner saß ebenfalls auf einem Stuhl, mit fixem Blick auf Couleuvre, dann hinüberschweifend zu Julia Kies, die sich rücklings an einen Schreibtisch gelehnt hatte.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, werte Kollegin. Doch erlauben Sie mir die Frage: Was hat Sie auf seine Spur geführt?“

Kies blickte auf ihren ehemaligen Kollegen.

„Nun, es ist eigentlich recht simpel. Dass Sie, Herr Couleuvre, über die Ottheinrich-Bibel promoviert haben, ist ja hinreichend bekannt. Dass Sie Ihre Masterarbeit aber über Linear B verfasst hatten, wusste kaum jemand. Sie hatten dies in Ihren Lebensläufen auch nie angegeben. Als ich auf dem Repositorium der HU Berlin über Ihre Arbeit stolperte, hatte ich keine Zweifel mehr: Niemand anderes als Sie mit Ihren brillanten Altsprachenkenntnissen konnte die Entführernachrichten selbst verfasst haben.

Sie sind nicht der einzige Altbestandsbibliothekar, der seinem Bestand verfallen ist. Es gibt mehrere Fälle solcher, die plötzlich dem Wahn verfielen, die alten Bücher und Manuskripte ihrer Bibliothek zu Geld machen zu wollen. Sie, Herr Couleuvre, raubten zunächst mehrere Inkunabeln, auch den Codex Bernensis nahmen Sie mit. Um verschwinden zu können, täuschten Sie einfach Ihre eigene Entführung vor. Den Schlüsselbund ließen Sie absichtlich in der Tür des Tresorraums stecken, um die Inszenierung noch glaubwürdiger zu machen, so als ob Sie am helllichten Tag von unbekannten Tätern überwältigt worden wären.

Nun, aber dann sahen Sie, dass Sie mit dem Codex und den Handschriften nichts anfangen könnten, weil sie auf dem Markt sofort als Unika auffallen würden, sie wären unverkäuflich, weil man ihre Herkunft genau feststellen konnte. Deshalb gierten Sie nach alten Drucken, botanische Werke des 17. Jahrhunderts, die zumindest noch in so großer Anzahl auf der Welt vorhanden waren, dass man ein oder zwei Auktionshäuser damit hinters Licht führen könnte.

Doch die Übergabe hatten Sie schlecht geplant – oder sagen wir, wir waren zu vorsichtig. Sie konnten jedenfalls die erpressten Bände nicht unbemerkt aus dem Wald abholen. So scheiterte Ihr Vorhaben.

Ihnen muss das Geld ausgegangen sein. Schließlich griffen Sie in Verzweiflung dazu, die Edelsteine aus dem Prachteinband des Codex Bernensis herauszutrennen und sie dem nächstbesten Auktionshaus anzudrehen. Chapeau! Der Ruf dieses Hauses dürfte wohl ruiniert sein.

Das letzte Indiz lieferten Sie mir durch Ihre witzige Verkleidung. Zugegeben, sie war auf den ersten Blick nicht schlecht.“

Kies drehte sich Richtung Fenster, lächelte. „Sie haben sich heute passend zum Fest gekleidet. Schwarze Lackschuhe.“ Sie drehte sich wieder um und grinste. „Aber vor allem:… Rentiersocken.“

Die Runde war sprachlos. Direktor Feichtenbeiner setzte an zur Lobeshymne: „Es ist wirklich ganz außerordentlich, mit welchem Scharfsinn und welcher Konsequenz Sie das Rätsel gelöst haben, Frau Kies. Ihnen allein….“

„Nein, Herr Direktor, danken Sie nicht mir allein. Danken Sie auch Josef.“

Beide blickten in seine Richtung.

„Hätte Josef nicht in der letzten Nacht den Schlüsselbund an mein Fenster geworfen, hätte ich mir nie die Akkreditierung fürs Auktionshaus schnappen können. Josef ist es auch zu verdanken, dass Couleuvre nicht mehr an Beständen aus dem Magazin wegschaffen konnte. Wann immer Couleuvre im Magazin zugegen war, war Josef in der Nähe. Als er fälschlicherweise der Entführung verdächtigt wurde, hat er alles über sich ergehen lassen, obwohl er unschuldig ist. Sie sollten Ihrem treuesten Mitarbeiter danken.“

Feichtenbeiner drückte Josefs Hand. Beide waren den Tränen nahe. „Ich… ich muss mich aufrichtig entschuldigen, Herr Ehrlich. Ich… hoffe, Sie möchten als Magazinleiter Ihren Dienst wieder bei uns aufnehmen? Es wäre für uns alle das größte Weihnachtsgeschenk dieses Jahr.“ Und, in dem er auf Kies zeigte und lächelte: „Die zukünftige Direktorin würde sich jedenfalls freuen.“


ENDE


(ag)

 *** Das aubib-Team dankt allen seinen zahlreichen LeserInnen in Nah und Fern, auch für die vielen Kommentare, und wünscht allen frohe Festtage und ein gutes, gesundes und glückliches neues Jahr! ***

(Bildnachweis: karosieben, via Pixabay)

 

 

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