aubib.de | Blog https://www.aubib.de/blog/ Wed, 16 Jun 2021 15:00:58 +0200 Wed, 16 Jun 2021 15:00:58 +0200 t3extblog extension for TYPO3 Bibliotheken und Archäologie – Teil 4: Die Villa dei Papiri in Herculaneum #aubib Mon, 07 Jun 2021 17:30:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/06/07/bibliotheken-und-archaeologie-teil-4-die-villa-dei-papiri-in-herculaneum/ post-581 https://www.aubib.de/blog/article/2021/06/07/bibliotheken-und-archaeologie-teil-4-die-villa-dei-papiri-in-herculaneum/ Student/in Bibliotheken und Archäologie – Teil 4: Die Villa dei Papiri in Herculaneum Bibliotheken und Archäologie – Teil 4: Die Villa dei Papiri in Herculaneum by Student/in 07-06-21

Categories: Bibliotheken | International Lesestoff

Nach einem Erdbeben mehr als 15 Jahren zuvor befand sich die große Villa noch in Reparatur. Etwas außerhalb der Stadt Herculaneum gelegen hatte man auf ihren Terrassen und der langen, von einer Porticus verzierten Strandpromenade einen wundervollen Blick aufs Mittelmeer, an dessen Küste die Gebäude ausgerichtet waren. Die Bibliothek war noch nicht fertig, also waren viele Schriftrollen in Kisten verpackt, verstaut um bald wieder in Regale einsortiert zu werden.

Es hätte so schön sein können, wenn, ja wenn, dieser Vulkan im Jahre 79 nach Christus nicht ausgebrochen wäre, und die Villa, die Stadt Herculaneum und das nahegelegene Pompeji unter Asche und Lava begraben hätte. Es war eine gewaltige Naturkatastrophe mit vielen Todesopfern.

Die Villa selbst wurde von einem bis zu 370°C heißen pyroklastischem Strom überrollt und blieb Jahrhunderte unter dieser zementartigen Masse begraben. Ebenso wie die Papyri, die zwar äußerlich verkohlt wurden, aber ansonsten unter Sauerstoffausschluss doch sehr gut von Lava konserviert ihrer Entdeckung harrten.

Im Jahre 1752 fanden Ausgräber, auf der Suche nach antiken Schätzen, einen kleinen Raum, 2,6m mal 3,2m groß, mit den Resten von mannshohen Regalen, in denen sich verkohlte, zylinderförmige Gegenstände befanden. Viele davon wurden als Müll entsorgt oder schon bei der Freilegung zerstört. Bald erkannte man aber, dass es sich hier um Schriftrollen handelte. Ordentliche Grabungen wurden angestellt, unter der Schirmherrschaft von König Karl VII. von Neapel und Sizilien, und rasch mehr als 1800 Rollen geborgen. Heute befinden sich die meisten davon in der Nationalbibliothek von Neapel.

Schon bald begann die mühevolle Arbeit, die Rollen zu entziffern. Durch den äußerst fragilen Erhaltungszustand konnte man sie nicht einfach entrollen. So gingen auch durch die vielen Versuche im 18. und 19. Jahrhundert sich ihnen wissenschaftlich zu nähern weitere Rollen verloren. Man schnitt sie auf und schrieb von den Fragmenten ab, was man entziffern konnte, Lage für Lage. Man baute Maschinen, die sie sehr langsam, Millimeter für Millimeter, über Jahre hin abrollten. Man versuchte es mit verschiedenen Chemikalien. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war noch nicht einmal die Hälfte der Rollen bearbeitet, entziffert oder veröffentlicht.

In den letzten Jahrzehnten kamen weniger invasive Methoden zum Einsatz. Mit Röntgenstrahlen und Magnetresonanzanalysen rückten die Wissenschaftler den Rollen zu Leibe. Bereits 2011 wurde bekannt gegeben, dass 1600 Rollen digitalisiert werden konnten.

Heute werden Methoden wie die Röntgen-Phasenkontrasttomografie angewendet, mit denen kleinste Kontrastunterschiede zwischen dem verkohlten Papyrus und der ruß- oder kohlehaltigen Tinte erkannt werden können. Zeile für Zeile kann so eine Rolle entziffert werden. Und das ohne sie physisch auszurollen und womöglich zu beschädigen. Rein virtuell entfaltet sich so z.B. der Inhalt von etwa 300 fast komplett erhaltenen Rollen, die bisher noch gar nicht untersucht worden waren.

Doch was ist denn überhaupt auf ihnen zu Lesen? Was steht auf ihnen geschrieben? Der Besitzer der Villa war fleißiger Sammler philosophischer Schriften in griechischer Sprache. Erhalten sind z.B. einige Bücher des Hauptwerks von Epikur (341-271/70 v. Chr.), peri physeos (Über die Natur). Den Schwerpunkt bilden aber Schriften seines Anhängers Philodemus von Gadara (110-40/35 v. Chr.), der wohl auch in Herculaneum wohnte. Hinzu kommen weitere Fragmente und Schriften anderer Autoren. Das meiste ist auf Griechisch verfasst, nur in Ausnahmen wurden lateinische Texte entdeckt.

Schriftzeugnisse, die uns auf direktem Wege überliefert worden sind, ohne den Umweg über mittelalterliche Abschriften zu nehmen, sind natürlich besonders bedeutend. Zu erwähnen sind hier auch die Oxyrhynchus Papyri oder die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer.

Ihre Erhaltung ist aber die Ausnahme, denn das mediterrane Klima setzt dem Beschreibmaterial stark zu. Dies und andere Gründe sorgen dafür, dass man schätzt, dass uns heute von der antiken Schriftkultur weniger als 1% erhalten geblieben sind. Die einzige antike Bibliothek, die uns annähernd in ihrer Gesamtheit vorliegt, ist die der Villa dei Papiri.

Es ist eine private, philosophisch ausgerichtete Spezialbibliothek, womöglich auch nur eine spezielle Abteilung. Denn auch nach 250 Jahren Ausgrabung ist nur ein Teil der Anlage ergraben. Und womöglich warten noch viele weitere Papyri unter der Lava auf ihre Entdeckung.

 

(mb)

 

mb war 2008 im Zuge einer Grabungskampagne in Pompeji hier vor Ort. Lang ist’s her.

 

Quellen / Links:

http://www.bnnonline.it/index.php?it/121/officina-dei-papiri-ercolanesi

https://www.faz.net/aktuell/wissen/verkohlte-woerter-zwei-schriftrollen-aus-der-villa-dei-papiri-17179615.html

https://www.romanoimpero.com/2020/04/villa-dei-papiri.html

https://www.spektrum.de/news/die-hoffnung-auf-das-unlesbare/1687132

 

weitere Quellen / Links:

https://arachne.uni-koeln.de/arachne/index.php?view[layout]=bauwerk_item&search[constraints][bauwerk][searchSeriennummer]=2103188

https://de.wikipedia.org/wiki/Herculanensische_Papyri

https://de.wikipedia.org/wiki/Herculaneum

https://en.wikipedia.org/wiki/Herculaneum_papyri

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_dei_Papiri

 

Bildnachweis:

Rekonstruktion der Villa dei Papiri: www.romanoimperio.com https://1.bp.blogspot.com/-mTAkCf-xEaA/X46Ba3lamcI/AAAAAAAA3cU/xQeuzNsWPp0jZkE5qc1GMZ-czImvbr_yACLcBGAsYHQ/s1200/villa%2Bdei%2Bpapiri.jpg (07.06.2021)

Situation der Ausgrabung im Februar 2008: mb. Man beachte den immens hohen Lavasockel über dem Gebäude.

Karbonisierter Papyrus während des Scannens: www.romanoimperio.com https://1.bp.blogspot.com/-akcBP8kctDs/XoYuj0IT45I/AAAAAAAA0SU/2N9GIXM96u4c8mi_95YqIB4RkUHOYaN3ACLcBGAsYHQ/s1600/villa-dei-papiri.jpg (07.06.2021)

 

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Wolltet ihr schon immer mal eure Meinung sagen? #aubib Tue, 01 Jun 2021 16:37:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/06/01/wolltet-ihr-schon-immer-mal-eure-meinung-sagen/ post-580 https://www.aubib.de/blog/article/2021/06/01/wolltet-ihr-schon-immer-mal-eure-meinung-sagen/ Student/in Jetzt ist eure Gelegenheit dazu! …zumindest, wenn ihr fleißige Leser des Bibliotheksforum Bayern (BFB) seid. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit möchte ich die Leserzufriedenheit beim BFB anhand einer... Wolltet ihr schon immer mal eure Meinung sagen? by Student/in 01-06-21

Categories: Projekt Fachliches

Copyright: Patricia Jaeger; Mohr Design/Logo Bayerischer Bibliotheksverband

Jetzt ist eure Gelegenheit dazu!

…zumindest, wenn ihr fleißige Leser des Bibliotheksforum Bayern (BFB) seid.

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit möchte ich die Leserzufriedenheit beim BFB anhand einer Online-Umfrage ermitteln. Die Teilnahme wird nicht länger als 15 Minuten dauern und ist bis einschließlich 15. Juni möglich. Die Umfrage erfolgt vollständig anonym; es sind keine Rückschlüsse auf eure Person möglich.

Ihr könnt durch eure Teilnahme leider nichts gewinnen, außer dem guten Gefühl, der Wissenschaft ein Stückchen weitergeholfen zu haben.

 

Hier gelangt ihr zur Umfrage:

https://campus.lamapoll.de/Bibliotheksforum/

 

Vielen Dank für eure Teilnahme!

Steffanie Bauer

Studentin an der HföD

 

Bildrechte: Patricia Jaeger; Mohr Design/Logo Bayerischer Bibliotheksverband

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Geht nicht gibt's nicht - wie virtuelle Praktika funktionieren können #aubib Tue, 11 May 2021 14:37:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/05/11/geht-nicht-gibts-nicht-wie-virtuelle-praktika-funktionieren-koennen/ post-579 https://www.aubib.de/blog/article/2021/05/11/geht-nicht-gibts-nicht-wie-virtuelle-praktika-funktionieren-koennen/ Student/in OTH Bibliothek Außenansicht Geht nicht gibt's nicht - wie virtuelle Praktika funktionieren können by Student/in 11-05-21

Categories: Bibliotheken | International Praktikum Praktikum | Inland

OTH Bibliothek Außenansicht

Was macht ein gutes Praktikum aus? Sicherlich der Austausch mit den Kolleg*innen aus verschiedenen Bibliothekstypen. Die vielfältigen Einblicke in die unterschiedlichen Arbeits- und Herangehensweisen. Die gemeinsamen Kaffeepausen, in denen man über Gott und die Welt plaudert. Nicht zu vergessen auch die selbstständige und praktische Arbeit am Gegenstand.

Klingt gut, oder? Stellen wir uns nun aber vor, ein apokalyptischer Virus dringt in diese My little Pony Welt der Praktika ein und verändert damit alles. Kein Kontakt, kein vor Ort sein, kein selbstständiges Arbeiten – und deshalb kein Praktikum?

Nicht mit uns, dachte sich die Hochschulbibliothek der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (HBR) und verlagerte unser noch vor Corona-Zeiten vereinbartes dreiwöchiges Praktikum in den virtuellen Raum. Und weil der ja bekanntlich unbegrenzt ist, konnte die HBR sogar sechs anstatt der ursprünglich geplanten zwei Praktikant*innen aufnehmen.

Doch wie soll man so ein virtuelles Praktikum füllen? Dazu fragte die HBR kurzerhand die Praktikant*innen um Rat, welche Inhalte diese interessieren. Raus kam eine wilde Mischung von Benutzung und Information bis hin zur Erwerbung und dem wissenschaftlichen Publizieren unter anderen mit Open Access.

Weil uns die OTH-Bibliothek nicht mit Infos überschütten wollte, plante sie für uns auch viele Einheiten, in denen wir selbstständig an unterschiedlichen Projekten arbeiten konnten. So durften wir zum Beispiel ein Informationsvideo schneiden, uns in der Vergabe von Notationen mittels der RVK üben oder gemeinsam in der Gruppe anhand mehrerer Übungsfälle verschiedene Situationen mit „schwierigen“ Benutzern durchsprechen.

Das Highlight schlecht hin: Die Konzeption und Durchführung unserer eigenen CITAVI-Schulung (ganz ohne Vorgaben!), in der wir zehn OTH-Studierende zum Backen mit CITAVI entführen durften – keine Sorge, das Backen war nur unser Schulungsmotto.

OTH-Bibliothek Innenansicht

Für Praktikant*innen, die die Räumlichkeiten und Ausstattung der Bibliothek in vor-Corona-Zeiten noch nie begutachten konnten, gab es ein spannendes Angebot: virtuelle Live-Führungen mit dem Tablet. Egal ob Hightech-Rückgabesystem oder fancy Schlüsselautomat – wir kennen uns nun an der Bibliothek aus. Selbst das gegenseitige Vernetzen kam nicht zu: In einer gemütlichen Kaffeerunde, die einfach in den virtuellen Raum verlagert wurde, standen uns die Referatsleiter*innen und die Bibliotheksleiterin Rede und Antwort auf all unsere Fragen.

OTH Außenansicht

An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank an die Hochschulbibliothek Regensburg, dass sie uns trotz der ganzen Umstände die Möglichkeit gegeben hat, auch den Bibliothekstyp der Hochschulbibliotheken kennenzulernen. Dies ist umso wertvoller, als dass sich für uns im zweiten Praxissemester die letzte Gelegenheit bot, in andere Informationseinrichtungen außerhalb unserer Praxisbibliothek eintauchen zu können. Sollten pandemiebedingt weiterhin nur virtuelle oder hybride Praktika möglich sein, so können wir nur sagen: Traut euch, es ist für alle Beteiligten eine Bereicherung!

Wie seht ihr das? Habt ihr schon Erfahrungen mit virtuellen Praktika gemacht oder würdet ihr es mal versuchen? Schreibt uns in die Kommentare

- AZ, BD, MBK

 


Fotos: Dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Johanna Burzler, OTH

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Bibliotheksstatistik ÖB: Das Pandemie-Jahr #aubib Sun, 09 May 2021 00:30:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/05/09/bibliotheksstatistik-oeb-das-pandemie-jahr/ post-578 https://www.aubib.de/blog/article/2021/05/09/bibliotheksstatistik-oeb-das-pandemie-jahr/ Student/in Was die vorläufigen Zahlen der Deutschen Bibliotheksstatistik für 2020 zu öffentlichen Bibliotheken sagen. Bibliotheksstatistik ÖB: Das Pandemie-Jahr by Student/in 09-05-21

Categories: Bibliotheken | Deutschland Fachliches

 

Das hbz (Hochschulbibliothekszentrum NRW) hat die vorläufigen Zahlen der Deutschen Bibliotheksstatistik für das Jahr 2020 veröffentlicht (danke an den Lesewolke-Blog für den Hinweis!). Schon auf der Startseite prangt der Warnhinweis „Pandemiebedingt sind die Daten des Berichtsjahres 2020 nicht mit denen der Vorjahre vergleichbar!“

Sieht man sich die Zahlen für einzelne Fragen in der Statistik für die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland an, ist klar: 2020 war so Einiges anders, mancher Trend hat sich verstärkt, andere wurden jäh unterbrochen.

Die Anzahl der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland (hier sind alle Zweigstellen, Fahrbibliotheken usw. gemeint) geht weiter zurück, 2020 noch etwas stärker als in den Vorjahren.

 

Gab es 2016 noch über 8.700 ÖBs, sind es nun noch 8.243. Im Gegenzug fällt aber auf, dass die Publikumsfläche pro Bibliothek kontinuierlich zunimmt, von durchschnittlich 245 Quadratmeter pro Bibliothek 2016 auf 258 Quadratmeter 2020. Können wir daraus interpretieren, dass eher kleinere Zweigstellen geschlossen werden und damit eine relative Zentralisierung auf größere Standorte stattfindet?

Die Pandemie spürt man an mehreren Stellen der Statistik. Die Besuche von Nutzern sacken deutlich ein: von 120-125 Mio. deutschlandweit in den Jahren 2016-2019 auf 71 Mio. im vergangenen Jahr.

 

Noch deutlicher fällt der Rückgang bei Veranstaltungen aus. Hier beispielsweise die Zahlen für die Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche:

 

Hier sind sämtliche Veranstaltungen und Führungen gemeint, die die ÖB allein oder mit Kooperationspartner durchführt. Bibliothekseinführungen werden aber nicht mitgezählt. Nach einem stetigen Anstieg auf bis zuletzt fast 200.000 Veranstaltungen pro Jahr nun ein jäher Sturz auf weniger als ein Drittel davon.

Veranstaltungen in einem anderen Sinn erfuhren ebenfalls einen Absturz: die Fortbildungsstunden für Mitarbeiter halbierten sich fast, von 296.000 deutschlandweit 2019 auf nur noch 149.000 im Jahr 2020, und das trotz eines Booms von Webinaren und Fortbildungsangeboten via Videokonferenzen u.Ä. Steht hier die Einsicht dahinter, dass Onlineangebote eben keine Vernetzungstreffen vor Ort ersetzen können, oder setzen wir unsere Erwartungen an die vielen ehrenamtlichen Bibliothekar*innen in den Kirchen- und Gemeindebüchereien noch zu hoch an, wenn wir jetzt darüber enttäuscht sind?

Interessant dagegen ein Trend, der sich durch Corona vermutlich beschleunigte: der Zugriff auf E-Medien:

 

Via Onleihe und Co. wurden im vergangenen Jahr 41 Millionen mal E-Books und andere E-Medien ausgeliehen, ein Plus von satten 24% gegenüber dem Vorjahr und eine Weiterentwicklung des bereits bestehenden Trends. Egal ob Hörbuch oder epub – war die Bibliothek infektionszahlenbedingt (wieder mal) geschlossen, stiegen anscheinend viele um auf E-Medien im Fernzugriff. Ob der Trend in den nächsten Jahren weiter anhalten wird? Wir sind mal optimistisch^^.

Ebenfalls weiter nach oben zeigen technische Services für Nutzer: Mittlerweile bieten laut eigener Aussage 44% aller ÖBs einen übers Internet zugänglichen OPAC an, und 30% WLAN für die Nutzer in den Bibliotheksräumen. Vor fünf Jahren lag diese Zahl noch bei 21%.

 

Einerseits eine erfreuliche Entwicklung. Geht es in dem Tempo der letzten fünf Jahre aber so weiter, wird es bis zum Jahr 2050 dauern, bis alle ÖBs in Deutschland WLAN anbieten, und sogar bis 2091, bis alle einen OPAC haben! Hier wäre echt mal ein kräftiger Digitalisierungsschub wünschenswert (hallo Politik! Es sind doch bald wieder Wahlen ;-)

(Titelbild: Screenshot bibliotheksstatistik.de, verfremdet; Diagramme: aubib.de)

(ag)

 

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Unpaywall & Unsub #aubib Wed, 14 Apr 2021 22:00:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/04/14/unpaywall-unsub/ post-577 https://www.aubib.de/blog/article/2021/04/14/unpaywall-unsub/ Student/in Unpaywall & Unsub Unpaywall & Unsub by Student/in 14-04-21

Categories: Bibliotheken | International Gedankensprünge

Unpaywall - klingt erst einmal nach einem dubiosen Programm, mit welchem man Paywalls von Verlagen umgehen kann. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine vollkommen legale Browser Extension. Diese prüft anhand eines DOI-Abgleichs, ob ein Zeitschriftenartikel oder ein e-Book hinter einer paywall auch im Open Access auffindbar ist, und zeigt dies entsprechend an - praktisch. Unpaywall ist übrigens auch in den SFX-Service integriert.

Dasselbe Team hat zudem ein kostenpflichtiges Programm names Unsub entwickelt. Dieses soll mittels eines Modells basierend auf einer riesigen Datenmenge auf die jeweilige Bibliothek zugeschnittene Vorhersagen erstellen können, welche dann bei Entscheidungen zum (Ab-)Bestellen von Zeitschriften oder Datenbanken helfen sollen.

Ich halte dies grundsätzlich für einen interessanten Ansatz in der Lizenzierung von digitalen Angeboten. Allerdings bin ich bei datengetriebenen Modellen auch aus diversen Gründen (e.g. Feedback Loops) eher skeptisch.

Was haltet ihr von diesem Ansatz? Habt ihr vielleicht sogar schon Erfahrungen mit solchen Modellen und deren Entscheidungshilfen in der Erwerbung gemacht?

(php)

Photo by Campaign Creators on Unsplash

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Wie gut bist du im Umgang mit digitalen Nachrichten? #aubib Mon, 29 Mar 2021 20:00:00 +0200 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/29/wie-gut-bist-du-im-umgang-mit-digitalen-nachrichten/ post-576 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/29/wie-gut-bist-du-im-umgang-mit-digitalen-nachrichten/ Student/in Wie gut bist du im Umgang mit digitalen Nachrichten? Wie gut bist du im Umgang mit digitalen Nachrichten? by Student/in 29-03-21

Categories: Gedankensprünge

Die Stiftung Neue Verantwortung (SNV) (laut ihrer Website "ein gemeinnütziger Think Tank für die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen neuer Technologien") hat einen digitalen Nachrichtentest veröffentlicht, welcher genau diese Frage individuell beantworten soll. Unterstützt wird dieser Test unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Dazu werden den Personen, die den Test absolvieren, in 5 Kategorien und einer Dauer von ca. 10-15 Minuten unter anderem Screenshots verschiedener Nachrichtenseiten bzw. -artikel gezeigt. Jene müssen dann diese auf Glaubwürdigkeit abklopfen und benennen, ob es sich dabei um eine Meinung oder eine reine Information handelt. Weiterhin wird Wissen im Kontext digitaler Nachrichten abgefragt und auch ein kleines Szenario zum Umgang mit Fake News durchgespielt.
Am Ende werden die Antworten ausgewertet und man erhält eine Bewertung in der Form von bis zu 30 erreichbaren Punkten. Die Auswertung kann detailliert mit Begründungen angesehen werden und das persönliche Ergebnis kann zusammen mit einem zweiseitigen Überblick über die Kategorien sowie einigen Tipps zu selbigen heruntergeladen werden.

Ich persönlich halte diesen Test für einen guten und vor allem einfachen Einstieg, wenn man sich mit seinem eigenen Umgang mit digitalen Nachrichten beschäftigen will.

(php)

Photo by Charles Deluvio on Unsplash

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Bibliotheksrekorde: die größte Ausleihbibliothek #aubib Sat, 27 Mar 2021 10:57:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/27/bibliotheksrekorde-die-groesste-ausleihbibliothek/ post-575 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/27/bibliotheksrekorde-die-groesste-ausleihbibliothek/ Student/in Schaut man sich die größten Bibliotheken der Welt mal an, stellt man fest, dass die meisten davon Nationalbibliotheken sind, die reine Präsenzbibliotheken sind, deren Bestand demzufolge nicht... Bibliotheksrekorde: die größte Ausleihbibliothek by Student/in 27-03-21

Categories: Bibliotheken | International

Bibliotheksrekorde haben wir im Blog schon öfters thematisiert, so wissen wir schon, welches die größte Bibliothek, die nördlichste Bibliothek und die mit dem größten Lesesaal ist.

Schaut man sich die größten Bibliotheken der Welt aber mal an, stellt man fest, dass die meisten davon Nationalbibliotheken sind, die reine Präsenzbibliotheken sind, deren Bestand demzufolge nicht entleihbar ist, sondern nur vor Ort konsultiert werden kann. Welches ist aber die größte Ausleihbibliothek der Welt?

Es ist… Trommelwirbel – die Shanghai-Bibliothek in Shanghai, China, mit 56 Mio. Medieneinheiten.

Interessant ist, dass sie sowohl als öffentliche Zentralbibliothek für die Bevölkerung fungiert wie auch als naturwissenschaftliche Forschungsbibliothek, da sie am Institute of Scientific and Technical Information of Shanghai angesiedelt ist. Benutzerausweis und Ausleihe sind für jede(n) ab 14 Jahren kostenlos, lediglich ein Pfand von 100 Renminbi (ca. 13 €) muss hinterlegt werden.

Ganz knapp dahinter auf Platz 2 liegt die New York Public Library mit 55 Mio. Medieneinheiten (die sich allerdings auf ebenfalls rekordverdächtige 92 Standorte verteilen). Auch hier sind Benutzerausweis und Ausleihe kostenlos – dies war übrigens Grund genug für die NYPL, zum Black Friday 2018 in der New York Times eine satirische, ganzseitige Zeitungsanzeige zu veröffentlichen. Zitat: “Alle Bücher kostenlos”, “Nur für unbegrenzte Zeit”, “Gratis Rückgaben”…

Wenn wir den Blick nach Europa wenden, finden wir die größte Ausleihbibliothek des Kontinents übrigens in Kopenhagen, in der Königlichen Bibliothek (Bestand: 42 Mio. Medieneinheiten). Unsere Bayerische Staatsbibliothek kann sich außerdem damit trösten, die größte Ausleihbibliothek im deutschsprachigen Raum zu sein, egal, ob man nur die 10,8 Mio. gedruckten Bände oder alle 33 Mio. Medieneinheiten zählt. Dahinter liegt die UB der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit 10,3 Mio. Medieneinheiten.

 

(Bildnachweis: Another Believer, via Wikimedia Commons)

(ag)

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Bona Peiser - Deutschlands erste hauptberufliche Bibliothekarin #aubib Mon, 08 Mar 2021 00:00:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/08/bona-peiser-deutschlands-erste-hauptberufliche-bibliothekarin/ post-574 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/08/bona-peiser-deutschlands-erste-hauptberufliche-bibliothekarin/ Student/in Bona Peiser ist nicht nur die erste hauptamtliche Bibliothekarin in Deutschland und damit Pionierin auf ihrem Gebiet gewesen, sie war auch Bibliothekarin mit Leib und Seele und Wegbereiterin für die... Bona Peiser - Deutschlands erste hauptberufliche Bibliothekarin by Student/in 08-03-21

Categories: Bibliotheken | Deutschland

Gedenktafel für Bona Peiser Gebäude Rungestr. 22–25

Ein Beitrag zum Internationalen Frauentag


Bona Peiser entstammte 1864 der Familie eines Verlagsbuchhändlers und so dürfte ihre frühe  Leidenschaft für Bücher und Bildung hier ihren Ursprung gefunden haben. Doch, wie allen Frauen im 19. Jahrhundert, war auch ihr der Weg zur höheren Bildung versperrt. Bibliothekare konnten zu dieser Zeit nur Männer mit akademischer Ausbildung werden. Erst ab Mitte der 1890er Jahre bestand für Frauen die Möglichkeit, ein Abitur zu erlangen und ab 1908 wurden Frauen schließlich für reguläre Hochschulstudien zugelassen. Nachdem Bona Peiser im Deutschen Kaiserreich keine akademische Ausbildung erlangen konnte und sich das fortschrittlichere Bibliothekswesen im angloamerikanischen Raum rasch herumsprach, zog sie um 1890 nach Manchester, um sich dort fortzubilden. Das dortige Bibliothekssystem der Public Libraries hatte deutliche Fortschritte im Gegensatz zum preußischen aufzuweisen: es gab hauptamtliches und ausgebildetes Personal, eigene Bibliotheksschulen und eine stetig ansteigende Zahl weiblicher Mitarbeiterinnen.

1895 wurde Bona Peiser, nachdem sie sich während ihres Englandaufenthaltes bibliothekarisch profiliert hatte, schließlich hauptamtliche Leiterin der Bibliothek des Ende der 1880er Jahre gegründeten Kaufmännischen und gewerblichen Vereins für weibliche Angestellte (= VWA) - ein Hilfsverein für erwerbstätige Frauen, der neben anderer Unterstützung auch die Bildungsförderung seiner Mitglieder zum Ziel hatte. Peiser setzte sich zeitlebens für die Bücher- und Lesehallen-Bewegung ihrer Zeit ein und bestand stets darauf, dass Bildung dem ganzen Volk zugänglich gemacht werden müsse. So wurde sie, als die erste Lesehalle in Berlin eröffnet wurde, auch Leiterin dieser. Um die Zugänglichkeit aller Bevölkerungsschichten zu garantieren, orientierte man sich bei den Öffnungszeiten an den Arbeiter:innen.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstand unter Professor Christlieb Gotthold Hottinger die erste Bibliothekarinnen-Schule in Berlin, die Peiser jedoch als kritisch erachtete. Sie sah in der Geschlechter-getrennten Ausbildung eine klare Benachteiligung von Frauen. Es würden weniger Inhalte vermittelt werden, als bei den Männern und es käme so zu einer Minderbewertung der Leistungen von weiblichen Bibliothekarinnen, was sich auch bewahrheiten sollte.
Zwei Jahre später gründete man aufgrund Personalbedarfs eine weitere Schule zur Ausbildung von Bibliothekarinnen, diese war allerdings im Gegensatz zu Hottingers Unterricht mit Praktika verbunden. Die beiden Bibliotheken, in denen Peiser als Leiterin tätig war, erfreuten sich so großer Beliebtheit bei den Auszubildenden, dass es als Empfehlung für jeden Bibliotheksschüler galt, bei Peiser gelernt zu haben.

Peiser war es auch, die im Laufe ihrer Leitungstätigkeit der beiden Bibliotheken eine eigene Methodik entwickelte: nämlich den Buchkarten-Präsenzkatalog. Diese sollte den Bibliothekar:innen schnell ersichtlich machen, welche Bücher ausgeliehen werden konnten und das Mahnwesen vereinfachen. Das System war so erfolgreich, dass es sich auch weit nach ihrem Tod im Jahre 1929 durchsetzte und Anwendung fand.

Bona Peiser ist nicht nur die erste hauptamtliche Bibliothekarin in Deutschland und damit Pionierin auf ihrem Gebiet gewesen, sie war auch Bibliothekarin mit Leib und Seele und Wegbereiterin für die Bildung und Rechte von Frauen. Ihr unermüdliches Engagement in einer so ungewissen Zeit voller Hindernisse und Umbrüche soll uns auch heutzutage - und vor allem am Internationalen Tag der Frauen - ein großes Vorbild sein.

(vk)

 

Quellen und weiterführende Literatur:

Adametz, Thomas: Bona Peiser (1864-1929). Wegbereiterin der Bücherhallenbewegung und Deutschlands erste Volksbibliothekarin. In: Lüdtke, Helga (Hg.): Leidenschaft und Bildung. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. Berlin, 1992, S. 133-141.

Mahrt-Thomsen, Frauke: Bona Peiser (1864-1929). In: Günter Benser, Dagmar Goldbeck, Anja Kruke (Hg.): Bewahren - Verwahren - Aufklären. Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung. Supplement. Bonn, 2017, S. 90-99.
(PDF online abrufbar unter: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/14092-20180323.pdf - letzter Zugriff 07.03.2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Bona_Peiser - letzter Zugriff 07.03.2021.

 

Bildnachweis:

Mauruszat, Axel: Gedenktafel am Gebäude Rungestr. 22–25. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/61/Gedenktafel_Bona_Peiser.jpg - letzter Zugriff 07.03.2021.

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Melvil Dewey – Superstar, Sexist, Antisemit #aubib Sun, 07 Mar 2021 15:20:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/07/melvil-dewey-superstar-sexist-antisemit/ post-572 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/07/melvil-dewey-superstar-sexist-antisemit/ Student/in Warum die Melvil-Dewey-Medaille, die höchste Auszeichnung der ALA, vor kurzem umbenannt wurde, zeigt ein Blick in das Leben Deweys, bibliothekarischer Held und Depp zugleich... Melvil Dewey – Superstar, Sexist, Antisemit by Student/in 07-03-21

Categories: Bibliotheken | International Fachliches

2019 brachte Sherre L. Harrington, Direktorin der Berry College's Memorial Library, bei der jährlichen Konferenz der American Library Association (ALA) eine Resolution ein. Der Antrag der Resolution: Die Melvil-Dewey-Medaille, die höchste Auszeichnung der ALA, benannt nach Melvil Dewey, Mitbegründer der ALA und prominentester Bibliothekar in der Geschichte der USA, sollte umbenannt werden. Es sei nicht mehr länger tragbar, den Namen Dewey mit dieser höchsten Auszeichnung zu verbinden. Was war geschehen?

Denn selten hat jemand im Bibliothekswesen so viel gleichzeitig erreicht und an dauerhaften Innovationen hervorgebracht wie Melvil Dewey (1851-1931), der am 10. Dezember vor 170 Jahren geboren wurde. Um das zu verstehen, müssen wir zurück auf den Anfang:

Im Staat New York geboren und aufgewachsen, begann Dewey am Amherst College in Massachusetts zu studieren, wo er unzufrieden war mit dem seiner Meinung nach unzureichenden Bestand für eine Hochschulbibliothek. Auch die häufig in Bibliotheken praktizierte alphabetische Aufstellung missfiel ihm, wäre doch eine systematische Aufstellung viel besser geeignet, um ein Buch zu einem Thema zu finden. So schuf er binnen kurzer Zeit seine eigene Aufstellungssystematik – die Dewey Decimal Classification (DDC) – die er sich gleich mal rechtlich schützen ließ. Die DDC ist bis heute die meistverbreitetste bibliothekarische Klassifikation weltweit.

Im Alter von nur 24 Jahren gründete er die American Library Association (ALA), und wurde deren erster Sekretär, später sogar Präsident der Vereinigung. Außerdem gründete er im selben Jahr die bibliothekarische Fachzeitschrift Library Journal, für die er prominente Autoren wie Charles Cutter (ja genau, der Typ, dem wir die Cutterung mit zu verdanken haben!) gewinnen konnte.

1883 wurde er Bibliothekar am Columbia College und gründete dort die erste Bibliothekarsschule überhaupt, um bibliothekarischen Nachwuchs auszubilden. 1888 wurde er Direktor der New York State Library. Er förderte die Entwicklung des amerikanischen Bibliothekswesens nachhaltig. Was für ein Tausendsassa!

Nebenbei war er übrigens zeitlebends Anhänger des metrischen Systems sowie einer vereinfachten englischen Rechtschreibung, aus diesem Grund schrieb er auch seinen eigenen Vornamen Melville als „Melvil“.

Ein großes Ego hatte er aber auch, er war eher ein autoritärer Kontrollfreak, der sich mit seinen Ideen durchsetzen wollte statt Dinge auszudiskutieren. Groß gestört hat das niemanden, aber sein Image bekam 1905 deutliche Risse:

Dewey hatte schon einige Jahre zuvor den Privatclub Lake Placid Company gegründet, der seinen Mitgliedern am Lake Placid nördlich von New York einen Ort für Wintersport, Erholung und soziale Kontakte zur Verfügung stellte. Dewey war stets inoffizieller Kopf der Clubs, bestimmte die Aufnahmeregeln mit und kaufte für den Club auch Grundstücke am See.

Auch Henry M. Leipziger, ein jüdischer Bibliothekar an der New York Public Library, hatte sich um die Aufnahme in den Club bemüht, wurde jedoch stets mit Ausreden abgewimmelt. 1903 fallen ihm die internen Clubregeln in die Hände, wo er deutlich lesen konnte, dass Juden keinen Zugang zum Club haben. Hier lag also der wahre Grund seiner Ablehnung! Leipziger benachrichtigt den Anwalt Louis Marshall, der weitere Dokumente recherchiert und schließlich eine Petition an den Arbeitgeber Deweys, das Regents Board der New York State University, ins Rollen bringt. Die Mitzeichner der Petition, zahlreiche jüdische Persönlichkeiten aus New York, fordern die Entlassung Deweys als Bibliotheksdirektor. Offener Antisemitismus und zugleich eine hohe öffentliche Position, sowas verträgt sich nicht, so der Tenor.

Im Januar 1905 wird die Affäre öffentlich, die New York Times berichtet in mehreren Artikeln darüber. Melvil Dewey muss sich vor Arbeitgeber und Öffentlichkeit verteidigen, spielt dabei aber das unschuldige Lamm und gibt sich tolerant: „Viele meiner engsten Freunde sind Juden“, schreibt er, „aber die Mehrheit des Clubs hat die Regeln beschlossen und wir haben nicht die Macht, davon abzuweichen“. Dabei sind es Dewey und seine Frau Annie, die den Club faktisch kontrollieren.

Das doppelzüngige Spiel Deweys hat System: in der Öffentlichkeit spielt er den toleranten Bibliotheksdirektor, der nichts für die Clubregeln kann, intern ist der maßgebliche Drahtzieher. Für das Regents Board der New York State University ist die Affäre mehr als peinlich, schließlich ringt man sich zu einem schlechten Kompromiss durch: Dewey wird für sein Verhalten gerügt, behält aber seinen Posten. Er sagt zu, dass die Aufnahmeregeln geändert würden und zieht sich von der Spitze des Clubs formell zurück. Der jüdische Anwalt Marshall sieht es gegenüber der Presse als Erfolg, die Unterzeichner der Petition kritisieren, dass von Dewey kein Wort der Entschuldigung gekommen sei, nur pure Arroganz.

Nur wenige Monate später lässt Dewey ein Pamphlet zirkulieren, in welchem er im Namen des Clubs schreiben lässt, man wolle das Wort „Jude“ in Zukunft in den Aufnahmeregeln vermeiden, behalte sich aber weiterhin das Recht vor, sie auszuschließen. Formell soll es also nach außen so aussehen, als sei es kein Antisemitismus, aber intern soll es weiterhin praktiziert werden.

Der Konflikt lodert wieder auf, Dewey und der Anwalt Marshall mobilisieren ihre Unterstützer und liefern sich darüber ein Fernduell in der Presse. In der New York State University und der ALA ist man zunehmend verstimmt… was wiederum Dewey auf die Nerven geht. Sein Arbeitgeber beginnt erneut laut, aber intern, über einen Rauswurf nachzudenken. Im Laufe des Sommers 1905 beschließt Dewey, von seinem Posten zurückzutreten.

In diesem Sommer nimmt Dewey auch im Anschluss an die jährliche ALA-Konferenz an einem zehntägigen ALA-Ausflug nach Alaska teil, um sich zu erholen. Damit bringt er die nächste Affäre ins Rollen: auf dem Ausflug belästigt er mehrere Bibliothekarinnen, allesamt ALA-Mitglieder, umarmt, küsst und betatscht sie ungeniert in der Öffentlichkeit, gegen deren Willen.

Das Verhalten hatte er sich schon seit Jahren geleistet, und in der Regel ließen die Frauen es über sich ergehen, protestierten nur im Geheimen oder versuchten schlicht, ihm aus dem Weg zu gehen. Den offenen Konflikt scheuten sie – schließlich war Dewey nun mal DER Star in der amerikanischen Bibliothekslandschaft.

Nach den Vorfällen in Alaska konnten mehrere unter ihnen aber nicht mehr schweigen: Isabel Ely Lord und Mary W. Plummer, angesehene ALA-Mitglieder, sprachen nun offen im Kollegenkreis über die Belästigungen.

Im Sommer 1906 erfährt Dewey, was man sich so unter vorgehaltener Hand über ihn erzählt, er und seine Frau diffamieren die Erzählungen als „Geschwätz“ und „Verschwörung“ („plot“), Dewey sieht sich als „missverstanden“ und „unschuldig“, wie er beteuert.

Nach der ALA-Konferenz 1906, der er sicherheitshalber fern bleibt, erreicht ihn die Meldung, dass vier prominente ALA-Mitgliederinnen gegen ihn aussagen würden, zwei weitere drohen mit Rücktritt, sofern sich Dewey nicht aus der Assoziation, die er selber mitbegründet hat, zurückzieht.

Dewey steht mit dem Rücken zur Wand und kommt der Aufforderung nach. In der ALA nimmt er fortan nicht mehr teil, ist zugleich voller Bitterkeit gegenüber seiner Kollegen, die ihn nicht verteidigt hätten und fühlt sich von der eigenen Assoziation im Stich gelassen. Dass er Fehler gemacht habe, wollte er dagegen immer noch nicht eingestehen.

Nach 1906 widmet er sich ganz dem Leben im Privatclub Lake Placid. Eine weitere Affäre muss er dann 1927 durchstehen: für sein Leben im Club hatte er eine Privat-Stenografin eingestellt, die er mit ungewolltem Küssen und Anfassen belästigt. Die schockierte Stenografin weiß sich nicht anders zu helfen und kündigt ihren Job. Erst sehr viel später bekommt Dewey Post vom Anwalt der Stenografin, der eine Klage androht. Dewey wittert eine Erpressung, ist sich auch hier wieder keiner Schuld bewusst. Erst sein eigener Anwalt bringt ihn dazu, einer außergerichtlichen Einigung zuzustimmen, damit die Sache nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Mit einer Zahlung von 2.147,66 $ ist die Affäre aus der Welt geschafft.

Dewey, ein Kind seiner Zeit? Sexismus und Antisemitismus waren in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts wohl sicher keine Seltenheit, allerdings überschritt Dewey selbst nach damaligen Verhältnissen Grenzen – anders kann man sich kaum erklären, warum er schließlich gezwungen war, seine Posten als Bibliotheksdirektor, Clubpräsident und einflussreicher ALA-Veteran aufzugeben.

Nach seinem Tod 1931 gerieten seine Affären erstmal in Vergessenheit, in der Öffentlichkeit blieb Dewey der Superstar unter den Bibliothekaren, der Begründer der Dewey Decimal Classification und der American Library Association. Erst Wayne A. Wiegand brachte 1996 seine Schattenseiten ans Licht, indem er die gründliche recherchierte und lesenswerte Biografie über Dewey „A irrepressible reformer“ veröffentlichte.

Der 2019 erfolgte Antrag bei der ALA, die Melvil-Dewey-Medaille umzubenennen, war übrigens am Ende erfolgreich. Ab 2021 wird die Auszeichnung unter dem neuen Namen „ALA Medal of Excellence“ verliehen.

=> Wer mehr über Dewey wissen möchte:

Wayne A. Wiegand: Irrepressible reformer: a biography of Melvil Dewey. Chicago and London: American Library Association, 1996.

(Bildnachweis: Wikimedia Commons)

(ag)

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Fake News – Teil 3: wie man sie erkennt #aubib Tue, 02 Mar 2021 13:00:00 +0100 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/02/fake-news-teil-3-wie-man-sie-erkennt/ post-571 https://www.aubib.de/blog/article/2021/03/02/fake-news-teil-3-wie-man-sie-erkennt/ Student/in Wie erkennt man Fake News? Am besten mit ZARKA! Fake News – Teil 3: wie man sie erkennt by Student/in 02-03-21

Categories: Gedankensprünge Fachliches

In unserer Blogserie über Fake News müssen wir uns abschließend natürlich auch mal fragen, was wir gegen Fake News tun können bzw. wie wir sie als solche erkennen. Mit der Frage sind wir nicht allein im Bibliothekskosmos: Die IFLA hat hierzu nämlich schon mal ein schönes Poster erarbeitet (hier in vielen verschiedenen Sprachen zum Download).

Alternativ präsentieren wir auf aubib die ZAKKA-Methode. Noch nie gehört? Aber vielleicht habt ihr schon was vom CRAAP-Test gehört? Das ist eine Art Checklist, die an amerikanischen Unibibliotheken seit mehreren Jahrzehnten zum Standard gehört, um Erstsemestern wissenschaftliches Arbeiten beizubringen. Entwickelt wurde er an der California State University in Chico.

Da er aber ein paar Schwächen hat, z.B. das Hinausgehen über die Quelle nicht richtig berücksichtigt, haben wir ihn hier mittels einer anderen Methode names SIFT von Mike Caulfield etwas angepasst, und daraus auf Deutsch ZAKKA gemacht. So ein Akronym hat ja den Vorteil, dass man sich an den Buchstaben entlang hangeln kann, um keinen Punkt auf der Checkliste zu vergessen. Nicht zuletzt werdet ihr etwas über Elfenfotos, Erdnussbutter als Einstiegsdroge und eine falsche Königin erfahren. Los geht‘s!

 

Z für Zweck:

Was ist das Ziel des Autors? Will er informieren oder etwa unterhalten, jemanden zu Handlungen auffordern, etwas verkaufen? Drückt die Information vor allem persönliche Meinung aus oder ist der eingenommene Standpunkt neutral und möglichst objektiv? Kann man z.B. ideologische, politische, kulturelle oder persönliche Voreingenommenheit/Vorurteile erkennen?

Hier ein Beispiel des Blogs Archivalia:

Der Beitrag vom August 2015 trägt die Überschrift „Unfähiges LG Hamburg rechtfertigt Beuthelschneiderei“. Das geübte Auge erkennt hier schon einen wertenden Begriff. Der Beitrag will also vor allem Meinung ausdrücken. Besonders pikant an dem Beitrag: er enthält ein Zitat der Originalquelle, das gezielt verändert wurde. Im Originaltext heißt es:

„Dieser Einschätzung schließt sich die Kammer an“.

Daraus wird auf Archivalia der Satz:

„Dieser unglaublich dummen und obsoleten Einschätzung schließt sich die Kammer an.“

Der Satz wurde bei Archivalia als Ganzes kursiv gesetzt, um ihn als Zitat zu kennzeichnen, die Veränderung des Zitats hingegen ist nicht kenntlich gemacht.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Meinung hat ihre Legitimation, und meinungsfördernde Beiträge haben ihren Platz in der bunten Medienwelt, sie erfordern vom Leser aber auch als solche erkannt und eingestuft zu werden. Die bewusste Veränderung des Zitats, ohne dies kenntlich zu machen, erschwert eine sachgerechte Einstufung.

Ein anderes Beispiel sind satirische Informationen. Hier ist der Zweck die Unterhaltung. Interessant wird es dann, wenn die Satire nur schwer erkennbar ist: Der britische TV-Sender Channel 4 sendete am 1. Weihnachtsfeiertag eine satirische Weihnachtsansprache der „Queen“, die mittels Deepfake-Technologie und Stimmenimitatorin täuschende Ähnlichkeit zur Original-Weihnachtsansprache der echten Queen aufwies, die am gleichen Tag ausgestrahlt wurde. In diesem Fall war der Zweck der Satire klar zu erkennen, da die „gefälschte Queen“ im Video Witze reißt und auf dem Tisch tanzt. Was aber, wenn sich jemand Deepfake-Technologien bedient, um Fälschungen herzustellen, die auch von Spezialisten nicht mehr als solche erkannt werden?

 

A für Aktualität:

Hier hilft die einfache Frage: Ist die Information aktuell? Wann wurde sie erstellt?

Informationen können nicht mehr auf dem neuesten Stand sein, was auch bewusst eingesetzt werden kann. Beispiel gefällig?

Wie der BR berichtete, wurde im Dezember 2020 in Bayern per Post ein coronakritischer Flyer verteilt. Darin das Zitat eines Chefarztes mit der Aussage, dass Corona nicht gefährlicher als eine Grippe sei. Das Zitat stimmte, doch das Problem daran: die Aussage stammt vom Februar 2020, als die Datenlage noch eine andere war: es waren nur wenig Infektionsfälle bekannt und aus China gab es nur dürftige Informationen. Wenig später setzt sich die Erkenntnis durch, dass Corona eben doch gefährlicher als eine Grippe ist. Statt der relevanten, genaueren und aktuelleren Information wurde hier also bewusst eine veraltete Information verbreitet, die nicht mehr den Erkenntnissen entspricht.

 

K für Korrektheit:

Damit ist das eigentliche Fact-checking gemeint: Stimmt die Information, sprich: werden Quellen und Nachweise für die Information genannt? Wenn ja, stimmen die Angaben in der Quelle mit der Behauptung überein? Kann man die Information mittels einer anderen Quelle verifizieren? Nicht zuletzt kann man Hinweise auf Falschinformationen auch darin finden, wenn man sich fragt: ist die Argumentation logisch? ist die Information sorgfältig geschrieben oder strotzt sie nur so vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern?

Unser Beispiel kommt wieder mal aus England:

Im Dezember 1920 (also vor etwas mehr als genau 100 Jahren) erschien in der Zeitschrift The Strand Magazine ein Artikel von Arthur Conan Doyle, dem weltberühmten Autor der Sherlock-Holmes-Geschichten. Darin publizierte er Fotos zweier Mädchen, wie sie in der Natur von tanzenden, kleinen Elfen umgeben sind, die scheinbar in der Luft schweben. Doyle kam begeistert zum Schluss, dass damit die Existenz dieser übernatürlichen Wesen tatsächlich bewiesen war. Die Fotos hatte Doyle über Umwege von den beiden Mädchen, Elsie Wright (19) und Frances Griffiths (13) bekommen, die auf den Fotos zu sehen sind. Die beiden Kusinen hatten die Fotos selber angefertigt und behaupteten, ihnen würden regelmäßig Elfen erscheinen.

Doyle wollte sich absichern und fragte beim Filmhersteller Kodak an, der ihnen nach Prüfung versicherte, es gäbe keinen Hinweis darauf, dass die Fotos gefälscht seien. Die öffentliche Reaktion darauf war teils skeptisch, teils anerkennend. Die Fotos sahen echt aus, aber niemand hatte eine gute Erklärung, wie das möglich war. Die Legende der sogenannten Cottingley Fairies war geboren!

Doyle hätte allerdings hellhörig werden müssen, denn eigentlich wurde nicht nur Kodak um eine Expertenmeinung gebeten, sondern auch der Filmhersteller Ilford, der sich klar darauf festlegte, die Fotos enthielten „Hinweise auf Fälschung“. Doch erst in den 70ern führte man eine computergestützte Analyse der Bilder durch, die Fäden im Bild zeigte, an denen die „Elfen“ aufgehängt worden waren, um im Bild zu „schweben“. 1983 gaben die Kusinen schließlich zu, dass die „Elfen“ nur Kopien von Zeichnungen aus einem Kinderbuch waren, die sie selbst abgezeichnet hatten und an Fäden ins Bild gehängt hatten. Ein Vergleich mit den Zeichnungen und das Nachgehen von Indizien hätte die Fälschung schon früher offenbart.

 

K für Kontext:

Beantwortet die Information die gestellte Frage? Bezieht sie sich auf das Thema? Und vor allem: Ist der genannte Kontext wirklich der Originalkontext?

Gerade Klatschzeitschriften und Boulevardpresse entreißen oft Informationen ihrem Originalkontext, um verkaufsfördernde Schlagzeilen zu generieren.

Am 10. Februar etwa hatte die Illustrierte „Das neue Blatt“ folgende Schlagzeile auf ihrem Cover:

„Meghan & Harry: Bitteres Ehe-Aus: Er geht zurück nach England – allein!“

Erst bei Einsicht in den Artikel im Inneren des Hefts wird klar, worauf die Schlagzeile basiert: Einerseits wird einfach seitens der Redaktion darüber spekuliert, wie lange die Ehe noch hält – von einer tatsächlichen Trennung bzw. Scheidung kein Wort und keine Belege. Hier wird also einmal eine vage eigene Spekulation kurzerhand zum Fakt gemacht.

Zum zweiten erfährt man, dass Harry in Kürze eine kurze Reise nach England zum Geburtstag der Queen machen soll, während Meghan in Kalifornien bleiben soll. Es handelt sich also um eine kurze Reise, die Schlagzeile „Er geht zurück nach England – allein“ suggeriert aber einen dauerhaften Wegzug. Hier wurde also der Kontext bewusst verändert, um eine Falschinformation zu erzeugen.

Ein weiteres, schönes Beispiel, dieses Mal aus den USA:

Dort berichteten zahlreiche Medien im Herbst 1969 über einen neuen nationalen Trend unter Jugendlichen: Sie würden sich eine Mischung aus Erdnussbutter und Mayonnaise als Droge spritzen. Drogenexperten hatten sich darüber zuvor geäußert, nachdem sie von Jugendlichen gefragt worden waren, ob man von Erdnussbutter und Mayonnaise „high“ werden kann. Sogar in Regierungsdokumenten wurde darüber gesprochen. Allerdings gab es diesen Trend nie. Was war also passiert?

Mit genauer Sicherheit lässt es sich nicht rekonstruieren, eine glaubwürdige Erklärung ist aber folgende: „peanut butter“ und „mayonnaise“ galten damals als Slangwörter für härtere Drogen (Metamphetamine und Heroin oder Kokain), die aber natürlich illegal waren und nicht einfach zu bekommen. In diesem Kontext ist es hilfreich zu wissen, dass damals alles mögliche ausprobiert wurde, um sich legal mit einfachen Mitteln zu berauschen: man rauchte Blätter aller möglichen Pflanzen und inhalierte Öle und Substanzen auf der Suche nach einem „Kick“.

Der Ablauf lässt sich dann folgendermaßen skizzieren:

1. Jugendliche High-School-Schüler hören von „peanut butter“ und „mayonnaise“ als Drogen in ihrem Slangkontext, sind neugierig, misinterpretieren die Wörter aber.

2. Drogenexperten werden von Jugendlichen gefragt, ob man von Erdnussbutter und Mayo high wird. Diese fragen sich (skeptisch), ob das tatsächlich ein Trend ist bei einzelnen Jugendlichen, und berichten davon auf Tagungen.

3. Medien greifen das auf, lassen skeptischen Verdacht zu Fakt werden, verallgemeinern den Kontext pauschal und machen daraus einen „nationalen Trend“: Unsere Jugend spritzt sich Mayo und Erdnussbutter intravenös!

Das Beispiel zeigt sehr gut, wie eine verunfallte Fehlinformation mit Übertreibung und Kontextentstellung zu einer krassen Falschnachricht werden kann. Ach ja, falls jemand fragt, ob man jetzt eigentlich wirklich davon high werden kann: nein! ;-)

 

A für Autorität:

Was qualifiziert den Autor der Information? Ist sein Name und sein Hintergrund angegeben? Gibt es z.B. ein Impressum, eine Kontaktmöglichkeit? Steckt hinter dem Namen ein anderer Akteur (etwa eine Firma)? Wenn in einer Information „Experten“ zitiert werden, wer sind sie und was qualifiziert sie?

Relativ „einfach“ ist der Fall dann, wenn man ermitteln kann, dass hinter einem Account nicht die Person steckt, als die sich der Account ausgibt. So fiel im November 2020 Donald Trump auf ein gefälschtes Twitterprofil rein, der sich als Trumps Schwester Elizabeth Trump ausgab, und einen Unterstützungstweet absetzte.

Trump kam es nicht in den Sinn, sich zu fragen, warum das Twitterprofil nur einen Tag alt war und warum die Bilder von Elizabeth in den Tweets nicht von ihr selbst gemacht worden waren, sondern von der Bildagentur Getty Images gekauft waren. Am einfachsten hätte er es natürlich gehabt, wenn er seine Schwester einfach angerufen hätte.

Komplexer werden die Fälle, wenn der Autor einer Information schon ein gewisses Ansehen besitzt. Dann werden Falschinformationen möglicherweise gar nicht erst angezweifelt, Indizien nicht nachgegangen. Das zeigt eindrucksvoll die Affäre um den Journalist Claas Relotius 2018.

Mindestens 14 seiner Artikel und Reportagen für den Spiegel enthielten Fälschungen, also etwa frei erfundene Personen, Details, Interviewaussagen etc. Teile ganzer Reportagen waren erdichtet. Da Relotius aber zahlreiche Journalistenpreise gewonnen hatte, genoss er hohes Ansehen in der Community. Erste Hinweise auf Falschinformationen wurden daher lange ignoriert. Erst konsequentes Fact-checking des Kollegen Juan Moreno führten zur Aufklärung. Auch Autoritäten sollten also hinterfragt werden.

 

Zum Schluss: Was hat das Ganze eigentlich mit uns Bibliotheken zu tun?

Die Antwort erscheint relativ einfach: wir als Informationsdienstleister müssen nicht nur Information zur Verfügung stellen, nicht nur darauf hinweisen, wo man sie finden kann, sondern unseren Nutzern auch das Werkzeug an die Hand geben, damit umzugehen. Wir haben schlichtweg ein Interesse daran, dass unsere Nutzer falsche von echten Informationen trennen können, dass sie Informationen richtig einschätzen können, sie in ihrem Kontext sehen und bewerten, und nicht zuletzt sollen sie Informationen ethisch und wissenschaftlich richtig weiterverwenden.

Kurzum: Wir haben ein Interesse an informationskompetenten Nutzern: wer Fake News erkennt, kann im Prinzip auch wissenschaftlich oder journalistisch tätig sein und umgekehrt: wer wissenschaftliche Techniken zur Überprüfung von Informationen beherrscht, kann auch Fake News erkennen. Werden diese Kompetenzen von vielen Menschen beherrscht und angewandt, trägt dies insgesamt zu einer aufgeklärten, mündigen Gesellschaft bei.

 

(Bildnachweis: Gerd Altmann, via Pixabay)

(ag)

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