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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Adventskalender (13): Der Killerclown und der Kampf gegen das Vergessen

Avatar of Student/in Student/in | 13. Dezember 2021 | Adventskalender, Lesestoff



Mike Hanlon

"Er trug weiße Hemden und verblichene weite Hosen aus dem Supermarkt, und er saß in der Bibliothek der University of Maine und schrieb Abhandlungen über die Entstehung von Fußnoten und über die möglichen Vorteile von ISBN bei der
Katalogisierung von Büchern, während draußen Protestmärsche stattfanden […]."
- Bill Denbrough über Mike Hanlon (ES, S. 650)

Dass Stephen King gerne Schriftsteller in die Untiefen seiner Erzählwelten stößt, ist keine neue Erkenntnis: "Sie", "Stark", "Das geheime Fenster" – in all diesen Geschichten spielen die Produzenten von Büchern eine Hauptrolle. Auch in Kings wohl bekanntestem Werk: "ES". Hier führt der Erfolgsautor Bill Denbrough den "Club der Verlierer" zweimal im Kampf gegen den Killerclown Pennywise zu Felde. Zu besagter Gruppe zählt mit Mike Hanlon auch ein Bibliothekar. Hinsichtlich seiner Führungsqualitäten reicht er zwar nicht an seinen schreibenden Freund heran, für die Handlung ist er aber dennoch von existenzieller Bedeutung.

Ihre Freundschaft besteht seit jenem Sommertag im Jahre 1958, als Mike den "Club der Verlierer", ein Zusammenschluss von aus verschiedenen Gründen gemobbten und ausgegrenzten Kids, als siebtes und letztes Mitglied vervollständigt. Warum Mike angefeindet wird? Er ist das einzige afroamerikanische Kind in Derry. Daher hat ihn der örtliche Schulschläger Henry Bowers, dessen Hass ein Erbe der Vorgängergeneration ist, besonders auf dem Kieker. Und als wäre der Schulhofterror der Bowers-Gang nicht genug, sucht ja auch noch ein kinderfressendes Monster die Stadt heim…

Nachdem Mike und die "Verlierer"-Kids zumindest einen Teilsieg gegen ES erringen, gehen alle Beteiligten ihrer Wege. Sie verlassen nach dem Schulabschluss die Stadt, verdrängen die traumatischen Erlebnisse und leben den American Dream, sei es als Mode-Designerin, Architekt, Radiomoderator oder eben Bestsellerautor. Nur Mike bleibt in Derry, und verfolgt den weniger glamourösen Karrierepfad eines Kleinstadtbibliothekars. Dass er dadurch finanziell mit den anderen ehemaligen "Verlierern" nicht mithalten kann, stellt er selbst im Gespräch mit ihnen heraus. Jedoch erträgt er sein "Schicksal" ohne Verbitterung ("Dafür habe ich viel zu viel zu tun", S. 685).

In seiner Freizeit betätigt sich Mike zudem als Heimatforscher. So arbeitet er sich in mühevoller Kleinstarbeit und mit Engelsgeduld durch Archivbestände und das lückenhafte Gedächtnis eines alten Mannes, wodurch er eine Chronik des Schreckens zusammenträgt: circa alle 27 Jahre bringt ES eine Serie von Morden und Katastrophen über Derry. Mike erinnert sich als einziger noch an seine alten Freunde und trommelt den Club (fast) vollständig wieder zusammen, um das Böse erneut zu bekämpfen. Dafür hetzt ihm ES seinen alten Erzfeind auf den Hals, den inzwischen in die Psychiatrie eingewiesenen Henry Bowers. Obwohl dieser Fall vermutlich in keiner Sicherheitsunterweisung behandelt wurde, und Bibliothekare selbst in den USA keine Schusswaffen für die Auseinandersetzung mit schwierigen (messerschwingenden) Nutzern unter der Ausleihtheke bereithalten (dürfen), überlebt Mike den Mordanschlag in der Bibliothek, wenn auch schwer verletzt. Deswegen fällt er für den finalen Kampf gegen Pennywise leider verletzungsbedingt aus und kann nur seelischen Beistand vom Krankenbett aus leisten. (Als wären Bibliothekare einfach zu einem unscheinbaren Dasein im Hintergrund verdammt…)

Nachdem alles vorbei ist, die "Verlierer" Derry hinter sich lassen und auseinandergehen, setzt erneut ein rasanter Verdrängungsprozess ein. Da Mike, der weiterhin vor Ort bleibt, ausführlich Tagebuch über das Erlebte geführt hat, kann er das Vergessen bei sich noch etwas länger hinauszögern. Schließlich ist er Bibliothekar, ein Bewahrer des Wissens. Doch verblasst die Tinte auf geisterhafte Weise so schnell, dass keine Methode der Langzeitarchivierung seine Aufzeichnungen retten könnte.

Mike Hanlon handelt alles in allem also so bibliothekarisch, wie dies unter den besonderen Bedingungen im Universum von Stephen King nur möglich ist: Er sucht, sammelt, organisiert, strukturiert, vermittelt und bewahrt Informationen, stets mit Ruhe und Bedacht, ungeachtet der widrigen Umstände, die ihm seine Hautfarbe, seine Berufswahl und sein Wohnort eingebrockt haben. Er leitet seine Freunde auf dem Weg durch die verschüttete Bibliothek ihrer gemeinsamen Erinnerungen an, bleibt dabei aber zumeist auf dem Platz, wo er sich am wohlsten fühlt: im Hintergrund.

"Er saß da, eifrig über seine Arbeit gebeugt, […] die im harschen weißen Wintersonnenschein lag, sein Gesicht war ernst und vertieft, er wusste, als Bibliothekar kam man dem besten Platz in der Lokomotive der Ewigkeit so nahe,
wie ihm ein Mensch nur kommen konnte."
- Bill Denbrough über Mike Hanlon (ES, S. 650)

(av)


Quellen:

King, Stephen: ES. Neubearbeitete, erstmals vollständige Taschenbuchausgabe. Wilhelm Heyne Verlag. München 2011.
https://www.kingwiki.de/index.php/Mike_Hanlon (letzter Abruf: 10.12.2021)
https://hero.fandom.com/wiki/Mike_Hanlon (letzter Abruf: 10.12.2021)

Bildnachweis: Adventskalender: aubib unter Verwendung von Annie Spratt auf Pixabay und Freepik via Flaticon

Meinungen?

1 Kommentar(e)

T |

13. Dezember 2021

Oh wow, ich habe den Film vor über 25 Jahren gesehen (soweit man das sagen kann, nachdem ich die meiste Zeit die Hände vor den Augen hatte;). Jedenfalls kann ich mich nicht mehr an den Bibliothekar erinnern und überlege mir das mit ES vielleicht doch noch ...