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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Die Edelsteine (16) - Von Schuld und Unschuld

Avatar of Student/in Student/in | 22. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 16: Von Schuld und Unschuld

Josef stieg aus. Er knallte die Tür hinter sich zu. Sein Gesicht sah verwahrlost aus, das Haar nicht gekämmt, er war schlecht rasiert. Kies und Josef standen sich Auge in Auge auf dem Parkplatz. Der Schnee rieselte auf sie herab.

„Sagen Sie mir, warum Sie mich für unschuldig halten.“

„Nun. Sie hatten selbst als Magaziner ständig Zugang zu sämtlichen Büchern in der Bibliothek. Noch dazu hatten Sie… den Schlüssel Couleuvres in Ihrem Besitz. Also selbst den Tresorraum hätten Sie eigenständig leerräumen können, wenn Sie es gewollt hätten. Und wenn jemand wirklich kriminelle Finger hat, entwickeln die sich nicht erst nach 15 Jahren im Dienst. Die müssen schon vorher da sein. Deswegen glaube ich auch keinen meiner Kolleginnen, die DIE Geschichte erzählen.“

Josefs Augen weiteten sich. „Sie meinen… DIE Geschichte?“

Kies nickte.

„DIE Geschichte vom Beginn meiner Dienstzeit? Als ich neu eingestellt war?“

Kies nickte abermals.

„Es war ihr Vorgänger, dieser Herr Schwarz, nicht wahr?“

Josef hatte Tränen in den Augen. „Das ist richtig. Mich haben sie alle verdächtigt. Ich war neu, und traute mir nicht den Mund aufzumachen. Der Schwarz war der angesehene Magazinleiter. Er hat seine Lieblingsstücke kurz vor seiner Rente heimlich aus dem Haus geschafft. Ich habe ihn einmal beobachtet, habe aber damals nichts gesagt. Ich hatte zu große Angst, dass er mich hinhängen würde.“

Kies verschnaufte. „Und kurze Zeit später, als Schwarz dann in Rente war, gab es logischerweise auch keine Diebstähle mehr. Die anderen glaubten immer, er hätte Ihnen ins Gewissen geredet.“

„Pah!“ Josef winkte ab.

„Josef, kann ich Sie etwas fragen?“

Erneut vergrub Josef seine Hände in den Hosentaschen. Er fror. Der Schnee legte sich um seinen Kopf.

„Was, Frau Kies?“

„Wie kamen Sie eigentlich an den Schlüsselbund von Couleuvre? Das haben Sie im Verhör dem Direktor und der Polizei nie erzählt.“

„Aus Angst! Nur aus Angst hab ich es nicht erzählt! Glauben Sie denen nicht!“ Josef blickte erneut zu Boden, dann begann er ruhig zu sprechen:

„Es war dieser Donnerstag Morgen, der Tag, an dem er verschwand. Oder sagen wir, als man zum ersten Mal bemerkte, dass er fehlte. Sie wissen schon, der Tag, als Sie bei Ihrem Treffen mit dem Herrn Direktor waren, und Herr Couleuvre kam nicht. An dem Morgen hatte ich Dienst im Magazin.

Wie immer kam ich um sieben Uhr morgens. Ich holte einige Bestellungen aus den Regalen, dann wollte ich zurückgegebene Bücher zurückstellen. Ich holte mir den Bücherwagen von unten. Dann kam ich noch an den Mitarbeiterbüros vorbei und nahm die Bände mit, die intern ausgeliehen waren. Da waren auch ein paar zu alten Sprachen und Altertumswissenschaften dabei, und die stehen nun mal im Westflügel. Also fing ich dort an mit dem Zurückstellen. Dann kam ich am Tresorraum vorbei. Da fiel mein Blick auf die Tür. Ein Schlüsselbund steckte. Das war eindeutig der von Herrn Couleuvre, das fiel mir sofort auf, er war ja sonst selbst fast jeden Tag im Magazin und lief mir über den Weg. Daher wusste ich, dass das seiner war. Die Tür zum Tresorraum war offen.

Ich war erschrocken, und sperrte sofort aus Sicherheitsgründen ab. Dabei schaute ich aber nicht nochmal die Bestände durch, ob alles da war. Hier kam ja keiner rein, sagte ich mir selbst zur Beruhigung, also wird schon nix fehlen. Ich nahm mir vor, den Schlüsselbund später Herrn Couleuvre zurück zu geben, wenn er in sein Büro käme. Er würde ja schon an der Bürotür scheitern, weil er seinen Schlüsselbund nicht dabei hätte.

Nun geschah das, was Sie wissen. Er kam gar nicht zur Arbeit an diesem Tag, und als später Frau Schumann und dann wiederum der Herr Direktor mich nach ihm fragten, war ich selbst überrascht wie besorgt. Insgeheim tat es mir leid, dass ich nicht genauer hingesehen hatte. Als dann später alle antrabten, um den Tresorraum zu inspizieren, wurde mir ganz schwindelig. Ich versank vor Scham im Boden, als sich herausstellte, dass der Codex Bernensis fehlte. Doch ich war vollkommen machtlos. Ich hatte den richtigen Zeitpunkt schon verpasst, jetzt war es zu spät, dem Herrn Direktor vom Schlüsselbund und von der offenen Tür zu erzählen. Er würde mir sowieso nicht glauben, und ich geriete unter Verdacht. Das wollte ich auf jeden Fall verhindern. Aber wie Sie herausfanden, Frau Kies, hatte ich dummerweise den Schlüsselbund selbst liegengelassen. Ihrem geschulten bibliothekarischem Auge ist das nicht entgangen. Und so nahm das Unglück seinen Lauf. Es half nichts mehr, abzustreiten, versuchen zu erklären. Man glaubte mir nicht. Feichtenbeiner ließ seine ganze Macht spielen. Sie brauchten einen Schuldigen.“

Mit diesen Worten stieg Josef wieder ins Auto, nickte Kies zu, und fuhr davon.

Fortsetzung folgt

(ag)

(Bildnachweis: ADRIELO, via Pixabay)

 

 

Meinungen?

1 Kommentar(e)

Dietleff |

22. Dezember 2020

Das wird ja immer aufregender. Wenn Josef es nicht war, wer war es dann? Vertrauen wir auf Frau Kies‘ gutes Gespür und hoffen, dass sich noch alles zum Guten wendet! Fiebere schon dem nächsten Kapitel entgegen!