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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Die Edelsteine (15) - Dezember

Avatar of Student/in Student/in | 21. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 15: Dezember

Ein ganzer Monat verging, ohne dass etwas geschah. Die Werke, die die Entführer gefordert hatten, waren wieder zurück in die Bibliothek transportiert worden und dort sofort im Tresorraum deponiert worden. Die Schlösser wurden ausgetauscht. Die Ermittlungen von Kommissar Feist verliefen im Sande. Papier und Tinte der Entführerbotschaften wurden analysiert, Fingerabdrücke auf Umschlag und Papier abgeglichen, nochmal das gesamte Personal befragt, ohne Ergebnis. Auch die Leute, die im Dorf unweit des Waldstücks wohnten, wurden befragt, ob sie irgendetwas Auffälliges bemerkt oder gesehen hätten. Auch daraus ergab sich keine Spur.

Wie Kies erst ein paar Tage nach der gescheiterten Übergabe erfuhr, hatte man auch Josef permanent observiert in den Tagen vor und nach der Aktion. Man folgte ihm unauffällig, wann auch immer er sein Haus verließ, um einzukaufen oder einen Spaziergang im Familienkreis zu machen. Am Tag des 6. Novembers und der darauffolgenden Nacht hatte er gar nicht das Haus verlassen.

Der oder die Entführer hatten keine neue Nachricht geschickt. Man musste annehmen, dass Couleuvre wohl tot war, und dass dies das Ende der Geschichte war. Traurig.

In der Bibliothek war die Stimmung zum Teil angeschlagen. Die Stelle für die Altbestandsbetreuung war schon neu ausgeschrieben worden, aber noch nicht besetzt worden. Manche der Kolleginnen verdrängten das Geschehene, stürzten sich in Arbeit oder Lästereien. Direktor Feichtenbeiner war fast gar nicht mehr zu sehen. Die zweiwöchentlichen Jour Fixes wurden so knapp wie möglich abgehalten, Vieles versuchte er wegzudelegieren.

Kies wurmte es immer noch, dass der Fall ungeklärt blieb. Man hatte ja nie eine Leiche gefunden, geschweige denn eine Spur der Entführer. Trotzdem versuchte sie sich auch abzulenken. Was nutzte es, alten Gedanken hinterherzurennen, die ja doch keine Früchte trugen?

So arbeitete sie gewissenhaft weiter an ihren Schulungskonzepten, an der konkreten Ausgestaltung des geplanten Neubaus, unterhielt sich mit Architekten, fuhr in kürzlich sanierte Bibliotheken vergleichbarer Größe im weiteren Umkreis, um sich über Möglichkeiten und Herausforderungen zu informieren.

So ging der kühle November und so kam der winterliche Dezember. Der Frost war nun fast dauerhaft. So einen intensiven Winter hatte man schon lange nicht mehr erlebt. Bereits Ende November hatte es geschneit, und auch wenn der Schnee kurzzeitig verschwand, tauchte er wenige Tage später wieder auf. Die Zeit von Weihnachtsmärkten, Plätzchen backen, Kerzen auf der Fensterbank und Geschenkestress war gekommen. Da hatte man glücklicherweise keine Zeit für Grübeleien, man wurde von der Weihnachtsmaschinerie überrollt.

Kies verbrachte den Adventssamstag in diversen Läden. Das Geschenk für ihre Mutter zu besorgen war da noch das Leichteste. Zum Uhrmacher musste sie auch, weil ihre Armbanduhr stehen geblieben war. Einkaufen fürs Wochenende und in den Drogeriemarkt. Schließlich hetzte sie noch quer durch die Stadt in den Baumarkt. Zu ihrem Ärger tropfte der Wasserhahn zu Hause im Bad. Eigentlich wollte sie es selbst reparieren, doch die Verkäufer im Baumarkt zeigten sich wenig hilfsbereit. Wütend stapfte sie durch den Schnee zurück Richtung Stadtzentrum. Als sie am Weihnachtsmarkt vorbeikam, war sie von den Lichtern und der Musik, die aus der Ferne kam, ein wenig abgelenkt. Sie blickte im Gehen hinüber zu den Buden. Da stieß sie mit einem anderen Fußgänger zusammen.

Kies blickte erschrocken und vertrottelt drein. Es war Josef. Dieser, ebenfalls erschrocken und kreidebleich, entschuldigte sich kurz und förmlich, und setzte dann schnellen Schrittes an, zu verschwinden.

„Moment!…. Herr Ehrlich!…. Josef!“ Sie lief ihm hinterher.

„Lassen Sie mich in Ruhe, Frau Kies. Bitte. Ich hab schon genug durchgemacht.“

Seine Kapuze wegen dem dichten Schneetreiben tief über den Kopf gezogen beeilte sich Josef, der aber auch nicht mehr der Jüngste war, zu seinem Auto zu gelangen. Kies ließ nicht locker. Aufrecht und bestimmt lief sie neben ihm her, wusste jedoch noch nicht, was sie sagen sollte.

„Josef, es tut mir leid.“

„Ihnen tut gar nichts leid. Ihretwegen hab ich meine Arbeit verloren, bin ich zum Verbrecher abgestempelt worden.“

„Josef, das stimmt nicht! Ich wollte es nicht, dass Sie….“

Sie hatten schon den Parkplatz erreicht. Josef sperrte sein Auto auf, öffnete die Tür, setzte sich auf den Sitz, und war im Begriff die Tür zu schließen.

„Ich weiß, dass Sie unschuldig sind!“

Josef sah missmutig und gleichzeitig traurig drein.

„Das können Sie lange sagen, aber was wird mir das helfen?“

Kies‘ aufgeregte Stimme beruhigte sich. Sie blickte selbst nun zu Boden.

„Nun. Ich muss ehrlich sein. Ich weiß es nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Aber ich hoffe, Sie können mir helfen. Ich möchte etwas wissen. Und ich verspreche Ihnen, dass ich dieses Wissen nur zu Ihrem Vorteil einsetzen werde.“

Fortsetzung folgt

(ag)

(Bildnachweis: Free-Photos, via Pixabay)

 

 

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