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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Die Edelsteine (6) - Ein Lebenszeichen

Avatar of Student/in Student/in | 08. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 6: Ein Lebenszeichen

Direktor Feichtenbeiner hinterließ Couleuvre noch einen Zettel im Briefkasten, er möge sich bitte baldmöglichst melden. Dann stieg er ins Auto. Die Rückfahrt zur Bibliothek nutzte er, um Kies Vorwürfe zu machen.

Musste sie unbedingt sofort die Polizei alarmieren? Hätte man zunächst nicht selbst einmal nach dem Rechten sehen könne? Die Anwesenheit eines Kommissars verursachte doch schließlich nur Aufsehen in der Nachbarschaft. So groß war die Stadt ja auch wieder nicht, und so unbekannt war Feichtenbeiners Gesicht auch nicht, da konnten schnell Gerüchte die Runde machen.

„Womöglich, Frau Kies, steht in ein paar Tagen die Lokalpresse vor der Tür. Das ist ein Albtraum! Und Ihnen werde ich das zu verdanken haben. Die kurzzeitige Schließung der Bibliothek heute morgen wird auch nicht unbemerkt bleiben.“

Kies schwieg. Sie glaubte, dass das Schicksal ihr langfristig Recht geben würde. Für den Moment jedoch ging sie als Verliererin vom Platz, als eine, die zu schnell überreagiert hatte. Doch wagte sie es, zu erwidern:

„Nun ja, wir haben zumindest ausschließen können, dass sich unser Kollege was angetan hat. Es hätte mir keine Ruhe gelassen, wenn ich nicht gewusst hätte, ob…“

„Genug! Genug, Frau Kies. Gehen Sie bitte an Ihre Arbeit und belästigen Sie mich nicht mehr mit Ihren Theorien. Ich weiß selbst, was am besten zu tun ist. Da brauch ich Sie nicht dazu.“

Als sie auf den Parkplatz der Bibliothek fuhren, hatte die Kollegin Schumann schon aufgesperrt und den Lesesaal geöffnet. Verwundert sah sie Kies und Feichtenbeiner, wie sie zwei abgeregnete Kinder mit gesenktem Kopf die Treppe hinaufkamen. Kies dankte Schumann fürs Öffnen und ging sofort an ihren Arbeitsplatz.

Zwei Tage vergingen. Eine merkwürdige Stimmung machte sich in der Belegschaft breit. Kaum ein Wort wurde untereinander gewechselt. Niemand wagte es, Kies oder Feichtenbeiner anzusprechen, und zwischen den beiden herrschte ebenfalls Funkstille.

Kies hatte ungestört die Zeit, sich Gedanken über den geplanten Neubau bzw. Anbau zu machen. Klar war ihr, dass Benutzer stärker ins Zentrum rücken sollten, wollte man den Abwärtstrend bei den Besucherzahlen stoppen. Räumlichkeiten und Infrastruktur müssten attraktiver werden, das Angebot an Arbeitsplätzen ausgebaut werden und mit flexibler Möblierung versehen. Sie dachte etwa an eine kleine Lounge in Reichweite der Theke, wo man auch etwas essen oder trinken konnte. Das WLAN müsste auf jeden Fall besser funktionieren als jetzt.

Nicht zuletzt müsste man auch an den Services selber ansetzen. Der Bibliotheksausweis könnte kostenlos werden, und es sollten regelmäßige Schulungen zu E-Medien und Recherche angeboten werden können. Wofür vielleicht mehr Personal, also auch mehr Geld nötig wäre.

Momentan brauchte sie aber mit solchen Vorschlägen wohl nicht vorstellig werden. Zwar war sie sich grundsätzlich mit ihren Kolleginnen einig, die Leitung der Bibliothek mochte sowas aber nicht hören. So fasste sie ihre Gedanken zwar ordentlich aufs Papier, jedoch verließ sie mehr und mehr die Motivation, je länger sie daran arbeitete. Und sie geriet ins Grübeln. Würde Couleuvre gar nicht mehr auftauchen, oder gekündigt werden, wäre die Frage um die Nachfolge Feichtenbeiners wieder offen. Da konnte einem alles Mögliche blühen.

Am Donnerstag Morgen, genau eine Woche nachdem Couleuvre erstmalig nicht mehr zur Arbeit erschienen war, fand FaMI Lena in der Post einen unbeschriebenen großen Umschlag. Mit dem Inhalt konnte sie nichts anfangen.

„Frau Kies, hier ist was Seltsames.“

Kies betrachtete den Inhalt, den Lena vor ihr auf dem Tisch ausschüttete. Da war eine sehr alt aussehende, zerknüllte Pergamentseite, eng mit Tinte beschrieben. Ein handgeschriebener Zettel auf Papier, die Schrift sah griechisch aus. Und eine Wollsocke mit Rentiermotiv.

Kies packte die Sachen wieder in den Umschlag, rannte damit die Treppe hoch in Feichtenbeiners Büro, und, ohne anzuklopfen, stürmte sie an seinen Schreibtisch, wo er erschrocken aufblickte:

„Herr Direktor, wir haben ein Lebenszeichen. Und ich fürchte, wir sollten mal zum Tresor im Magazin.“

Fortsetzung folgt

(ag)

(Bildnachweis: agusgeno, via Pixabay)

 

 

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