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Die Edelsteine (7) - Die Indizien

Avatar of Student/in Student/in | 09. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 7: Die Indizien

Feichtenbeiner rief eilig die Kollegen und Kommissar Feist zusammen. Gemeinsam breiteten sie im Großen Saal auf dem Tisch alle Gegenstände aus. Kommissar Feist betrachtete sie, schüttelte aber fragend den Kopf.

„Sie sind also sicher, Frau Kies, dass dies ein Lebenszeichen oder eine Botschaft Ihres vermissten Kollegen ist? Auf dem Umschlag steht nichts und ich sehe auch keine Unterschrift.“

„Die Wollsocke ist eindeutig. Ich hatte das Gegenstück des Sockenpaars in seiner Wohnung gesehen. Mit Rentieren drauf. Da besteht nicht der geringste Zweifel.“

Sie schob die Socke etwas angeekelt beiseite und fuhr fort.

„Nun die anderen Gegenstände. Kennt jemand von Ihnen diese Pergamentseite? Aus welchem Buch könnte sie stammen?“

Ihre Frage wirkte so, als sei es eine Prüfungsfrage, und Kies wisse bereits die Antwort. Dieses Mal war es Feichtenbeiner, der mit seinen Kenntnissen der Sammlung beitragen konnte.

„Ich bin zwar nicht hundertprozentig sicher. Aber ich sehe eine Handschrift, gotische Schrift um genauer zu sein, auf Latein, in zwei Spalten, daneben und dazwischen an allerlei Stellen in viel kleinerer Schrift ebenfalls lateinischen Text in gerkritzelten Buchstaben. Oben rechts eine kleine Miniatur mit einer Elster und pflanzlichen Ornamenten mit silberner Farbe ausgefüllt, was mich an eine bestimmte Handschrift erinnert. Sieht mir aus wie die Glossen des….“ Feichtenbeiner stockte. „…ja, des… des Codex Bernensis.“

Die Runde machte ein betroffenes Gesicht. Dem Kommissar hatte man schnell erklärt, worum es sich handelte: der Codex Bernensis war das kostbarste Stück der Sammlung. Ein Evangelistar des 12. Jahrhunderts, prächtig illuminiert, der Einband mit Goldbeschlägen und Edelsteinen verziert. Kommissar Feist kommentierte zwar mit einem „Aha“, schien aber immer noch nicht recht zu begreifen.

Kies antwortete kühl: „Wenn es so ist, dann würde das bedeuten, dass jemand aus dem Codex diese Seite rausgerissen hat. Der Codex befindet sich im Tresor des Magazins, zu dem nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis Zutritt hat. Unter ihnen natürlich auch Couleuvre.“

Feist grübelte. „Also das heißt, Sie verdächtigen Ihren Kollegen, eine Seite aus einem alten Buch gestohlen zu haben.“

„Naja, so voreilige Schlüsse würde ich nicht unbedingt ziehen“, erwiderte Feichtenbeiner. „Schauen wir uns den dritten Gegenstand an. Eine Seite aus Papier, beschrieben auf, naja, sagen wir Griechisch:

ἡ ἔχιδνα ὁ Προμηθεύς μου, ὁ Μινώταυρος μου ἐστιν

Dazu in lateinischer Schrift zwei Signaturen:

Inc.ult. VS 2

18/92 Bot.lat. 39

Kann eigentlich jemand von Ihnen Griechisch?“

Kopfschütteln in der Runde. „Ich ehrlicherweise auch nicht. Ich werde aber mal in meinen Kontakten nachsehen, vielleicht findet sich jemand, der uns hier weiterhelfen kann.“

Kommissar Feist schien mit seinem Latein wie mit seiner Geduld schon am Ende zu sein.

„Fassen wir zusammen: Ihr Kollege kommt nicht mehr zur Arbeit, in seiner Wohnung ist er zufällig auch nicht, aber ein paar Tage später schickt er Ihnen eine Wollsocke und ein paar Zeilen auf Griechisch, die niemand lesen kann. Ich glaube, ich verschwende hier meine Zeit.“ Er stand auf und nahm seinen Mantel. „Sie können ja in Ihren Bücherregalen nachsehen, vielleicht versteckt er sich da!“ Sein bissiges, angesäuertes Lächeln war das Letzte, was sie von ihm sahen, als er durch die Tür stapfte.

Kies verließ ebenfalls wenig später den Großen Saal, allerdings nur, um eilig im Lesesaal ein dickes Altgriechisch-Wörterbuch aus dem Regal zu ziehen. „Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir hier Licht ins Dunkel bringen können“, dachte sie. Auch wenn sie die Sprache nicht konnte, gleich aufgeben wollte sie nicht, dafür war sie zu stur. Den Zettel mit dem griechischen Satz hatte sie sich vorher mit dem Handy abfotografiert.

„ἡ und ὁ scheinen Artikel zu sein… ἔχιδνα heißt ‚Natter‘ oder ‚Schlange‘.“ Προμηθεύς konnte sie als griechische Schreibweise für Prometheus und Μινώταυρος als Minotauros identifizieren, zwei Wesen, die in antiken Mythen auftauchen. Sie knobelte ein wenig herum, dann stand der Satz fest: ‚Die Natter (oder Schlange) ist mein Prometheus, mein Minotauros.‘

„Mhm, so ein Blödsinn.“ Kies ließ Stift und Wörterbuch auf den Tisch knallen, so dass selbst die „Alte“ in der Ecke kurz von ihrer Lokalzeitung aufblickte und sich umdrehte. Frustriert ging sie wieder hinter die Theke. Nach kurzer Denkpause versuchte sie, den Satz auf Griechisch und auf Deutsch in Anführungszeichen in Google einzugeben – vielleicht war es ein Zitat aus der Literatur oder einem Korpus. Fehlanzeige.

Dann holte sie sich aus dem Regal den Kleinen Pauly, ein Lexikon der Antike, und schlug nach. Ein paar Minuten ging sie vor dem Fenster auf und ab. Schließlich blickte sie auf, ging hastig wieder zum Wörterbuchregal, aus dem sie dieses Mal ein französisches Wörterbuch zog. Nach kurzer Verifizierung entglitt ihr ein griechisches „Heureka!“.

Nur wenige Minuten später kam Direktor Feichtenbeiner die Treppe herunter.

„Ich habe Kontakt aufgenommen mit einem alten Studienfreund von mir. Bernhard Pabst, Paläograf und Altphilologe. Eine herausragende Forscherpersönlichkeit auf seinem Gebiet. Er konnte mir den altgriechischen Satz übersetzen. Die Natter ist…“

„Jaja, ich weiß. Die Natter ist mein Prometheus und mein Minotauros.“

Feichtenbeiner schaute verblüfft. „Ja, schon. Aber der Satz ergibt keinen Sinn. Auch kommen laut ihm Prometheus und Minotauros in keinem Mythos oder in der Literatur gemeinsam vor.“

Kies schmunzelte. „So? Aber sie haben sehr wohl etwas gemeinsam.“ Ihr Gesicht wurde wieder ernst, und, sich vorbeugend zu Feichtenbeiner, flüsterte sie ihm zu, dass niemand anders es hören konnte: „Herr Couleuvre ist entführt worden!“

Fortsetzung folgt

(ag)

(Bildnachweis: Pexels, via Pixabay)

 

 

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