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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Müssen Bibliotheken auch öffentliche Akteure für Demokratie und gegen Hetze sein?

Avatar of Student/in Student/in | 17. April 2020 | Bibliotheken | Deutschland, Gedankensprünge, Fachliches



Müssen Bibliotheken auch öffentliche Akteure für Demokratie und gegen Hetze sein?

Bibliotheken sind gesellschaftliche Akteure. Punkt.

Das Bild von der Bibliothek als eine von dieser Welt etwas entrückte und verstaubte Parallelwelt mit ihren ebenso entrückten Bibliothekaren hält sich manchmal noch hartnäckig in Teilen unserer Gesellschaft – so gut wie jeder Bibliothekar und jede Bibliothekarin hat dazu sicherlich eine Anekdote aus dem eigenen Bekanntenkreis im Kopf.

Und doch sind Bibliothekare eine der zentralsten Einrichtungen für unsere Gesellschaft. Nur welche Anstrengungen diese „Infrastruktur“ auf sich nimmt, um ihre Leistung abzuliefern, wird oft nicht im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen. Gleichzeitig scheint das deutsche Bibliothekswesen in mancher Hinsicht nicht mit dem nötigen Nachdruck dafür zu werben, auch als das wahrgenommen zu werden, was es ist. Weit mehr als Infrastruktur, sind Bibliotheken nämlich gesellschaftliche Akteure in einem größeren Zusammenhang.

Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Information und Informationskompetenz zu vermitteln, sondern auch Kultur und demokratisches Verständnis. Meine These ist: Das gilt sowohl für wissenschaftliche als auch öffentliche Bibliotheken.

Belege für die ersten drei der genannten vier Aufgaben sieht man hinreichend, wohin man blickt. Informationsangebote, Webinare, Ausstellungen, Lesungen… doch was ist mit der Vermittlung von Demokratieverständnis und damit mit einer eigenen öffentlichen Positionierung im demokratischen Diskurs? Was ist mit dem gezielten und öffentlichen Eintreten für den Schutz und Integration von Minderheiten, Gleichberechtigung, Meinungs- und Informationsfreiheit? Tun Bibliotheken hier nichts?

Beobachtet man andere Kultureinrichtungen wie Theater oder Museen, so scheinen die etwas stärker dahingehende Zeichen in letzter Zeit zu setzen. Ein Beispiel: Die Initiative „Die Vielen“, in der sich Kultureinrichtungen aus ganz Deutschland entschieden dafür einsetzen, rechtem Populismus etwas entgegenzusetzen. Die jüngste Forderung beispielsweise besteht darin, den 8. Mai - Tag des Kriegsendes 1945 - zum Feiertag zu erklären. Die Grundsatzerklärung zu „Die Vielen“ haben vor allem Theater, Museen, Kunstgalerien u.ä. unterzeichnet. Hier und da findet man ein paar wenige öffentliche Bibliotheken unter den Mitzeichnern, wie die Stadtbibliothek Osnabrück und die ZLB Berlin, die dazu schreibt: „Wir verstehen unsere Bibliotheken als offene Räume der Vielfalt und leben dies in unserer täglichen Praxis“.

Unter den wissenschaftlichen Bibliotheken befindet sich nur die SUB Hamburg. Keine andere wissenschaftliche Bibliothek, keine andere Hochschul- oder Landesbibliothek hat unterschrieben. Immerhin der dbv zeichnet mit. Und außerhalb dieser Erklärung hat das Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz vor kurzem eine auf Landesebene angesiedelte Initiative „Gegen Hass und Hetze“ mitgetragen.

Nun mag man einwenden, doch, Bibliotheken tun sehr wohl etwas für das gezielte Eintreten für vielfältige demokratische Ziele und für die Förderung eines breiten Demokratieverständnisses – nur tun sie das eben im Verborgenen, stillschweigend. Öffentliche Bibliotheken bieten Sprachkurse für Ausländer an, erheben keine oder geringe Gebühren für Asylbewerber, und insgesamt leisten sowohl wissenschaftliche wie öffentliche Bibliotheken eine „stille Integration“ auch sozial Benachteiligter durch geringe Nutzungsgebühren, die Gleichbehandlung von Nutzern und Nutzerinnen und durch ihr nicht-kommerzielles Angebot an sich. Somit leisten sie ihren Beitrag für eine inklusive, offene Gesellschaft.

Die ketzerische Frage an dieser Stelle ist: Reicht das?

Oder müssen sich Bibliotheken nicht auch öffentlich in irgendeiner Form für eine offene Gesellschaft und gegen Populismus stark machen?

Jetzt werden einige sagen: Ja, was denn noch? Wir haben als Bibliothekare doch schon genug zu tun. Unsere Bibliotheken sollen Arbeitsplatz, Lernraum und Makerspace sein, kulturelles Erbe bewahren und digitalisieren, Medien aller Art besorgen, bereitstellen und vermitteln, Leseförderung und Informationskompetenz vorantreiben, mal ein Ort für Familien und Kinder, mal für Wissenschaft, Forschung und Lehre sein, Ort für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen. Und jetzt auch noch politisch engagierte Wächter und Kämpfer für Demokratie?

Zu einem Teil: ja.

Jüngst diskutierte man, ob Bibliotheken auch rechte/rechtspopulistische Literatur einkaufen und präsentieren müssten. Hermann Rösch betonte hierzu (Beitrag in BuB 06/2019, S. 344f.) den Gedanken der Neutralität: Bibliotheken müssten das ganze Spektrum an Meinungen abbilden, um den gesellschaftlichen Diskurs und die Informationsfreiheit zu gewährleisten. Zu dieser Neutralität gehört dann sinngemäß nach seinen Worten eben auch, dass AfD- und Pegida-Titel im Neuerwerbungsregal stehen.

Vor knapp zwei Monaten fand in Dresden eine Demonstration gegen Pegida statt. Neben CDU und FDP rief zur Teilnahme auch der Verein Sächsische Bibliotheksgesellschaft e.V. auf, der sich für Entwicklung von Bibliotheken in Sachsen und zivilgesellschaftliche Ziele engagiert. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung (Dresdner Zeitung, 20.02.20, S. 15) sagte Geschäftsführer Eric Hattke in Bezug auf den Gedanken der Neutralität bei Bibliotheken: „In einer Demokratie kann niemand neutral sein“.

Wie ist dieser Widerspruch zu vereinbaren?

Es ist daran zu denken, dass Bibliotheken zukünftig auch Dinge explizit artikulieren sollten, die sie bislang im Stillen praktizieren. Mit anderen Worten: Bibliotheken sollten sich vielleicht selbst Policies / Leitlinien / eine Art Charta (oder wie immer man es nennen mag) geben, - Leitlinien einerseits zur Gewährleistung von Gleichberechtigung und Antidiskriminierung sowohl in Bezug auf Nutzergruppen als auch intern unter MitarbeiterInnen, andererseits Leitlinien im Umgang mit Rechtsextremismus und Rechtsnationalismus, und entsprechenden Äußerungen im internen Team oder in der Kommunikation mit außen. Auch wie entsprechende rechtspopulistische Medien (die Äußerungen enthalten, die für viele Mitarbeiter wie Nutzer unzumutbar erscheinen) in der Bibliothek aufgestellt werden bzw. ob und wie sie in einen Kontext gestellt werden können, die die informationsfreiheitliche und aufgeklärte Auseinandersetzung damit fördert, sollte formuliert werden.

Man darf hier nicht vergessen: Rechtspopulisten setzen auf eine Sprache, die ausgrenzt, die untergräbt, die Fakten verdreht, die viel zitierten „Fake News“ erst schafft. Bibliotheken müssten dem entschieden nicht nur die Fakten, sondern auch die Informationskompetenz als Ziel entgegensetzen, so dass alle am Diskurs Teilnehmenden den verdrehten Fakten kritisch begegnen können, Quellen beurteilen können, aber auch meinungsstark offensiv sich gegen diese Art von Verbreitung von aufhetzenden Pseudo-Fakten wehren können.

Das Bekenntnis zu Informationsfreiheit, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit und Demokratie und Vielfalt ist sicherlich im deutschen Bibliothekswesen schon breit vorhanden, nur ist es implizit, im öffentlichen Bewusstsein wird es kaum wahrgenommen, wenn von Bibliotheken und Büchereien die Rede ist. Dieses Bekenntnis selbstbewusst offener zu vertreten, wäre vielleicht wünschenswert.

Dafür ist gar nicht so viel notwendig an Anstrengung.

Was ist möglich? Die Mitzeichnung, wenn wieder ein Aufruf durchs Land geht. Eine Kooperation mit anderen Partnern – wie die Ausstellung „Berliner Bibliotheken im Nationalsozialismus“, die in Kooperation u.a. von der ZLB Berlin und verschiedenen Berliner Bibliotheken erarbeitet wurde, und 2018 und 2019 im Haus der Wannsee-Konferenz, auf dem Bibliothekartag 2018 und in der Topographie des Terrors gezeigt wurde.

Der kritische Umgang mit der Geschichte des eigenen Hauses, z.B. als Teil des Porträts auf der Homepage.

Und explizit in ein öffentliches Leitbild / Benutzerordnung / Präambel o.Ä. sein Bekenntnis zu Gleichbehandlung und Informationsfreiheit aufnehmen, sowie die demokratische Funktion als „offener Raum der Vielfalt“ unter den Punkt „Ziele und Zwecke der Bibliothek“ zu schreiben.

Explizit immer einen offenen Dialog führen und diskriminierenden und antidemokratischen Gruppierungen und Akteuren keine Plattform bieten. Reden wir darüber!

(ag)

(Bild: Wzwz, via Wikimedia Commons)

 

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