Herzlich Willkommen im Blog! Link zur Hauptseite des Blogs

Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

Herzlich Willkommen im Blog! Link zur Hauptseite des Blogs

Weltkarte




Adventskalender (4): Röntgen-Robert

Avatar of Student/in Student/in | 04. Dezember 2022 | Adventskalender



Unauffindbar. Verschwunden. Vermisst. Was anmutet wie der Beginn eines unterkühlten Krimis, in dem ein plötzliches Verschwinden aufgedeckt werden muss, ist der ebenso dramatische und tägliche Alltag in Bibliotheken. Glücklicherweise handelt es sich im Gegensatz zu den Kriminalgeschichten meist nicht um verschollene Menschen, sondern eher um Medien.

Verzweifelte Bibliothekar*innen wissen sich nicht mehr zu helfen: Nicht enden wollende Listen werden befüllt mit den Einheiten, die abhandengekommen sind. Entweder von eine*r/m Benutzer*in entführt oder doch noch irgendwo im Bibliotheksgebäude platziert.

Call of duty.

Letzteres ist der Ansporn für den vielleicht unscheinbarsten und unwahrscheinlichsten Helden, den es in Bibliotheken zu finden gibt: Röntgen-Robert. Der Gedanke, dass Bücher nicht an ihrem angedachten Platz stehen und stattdessen an anderer Stelle im selben Gebäude versauern, spornt ihn an. Er hört sie förmlich um Hilfe rufen, immer wenn er selbst durch die Regalreihen schreitet und sie versuchen, so laut wie möglich auf sich aufmerksam zu machen, damit sie aus ihrer aussichtslosen Lage befreit werden können.

So kommt es, dass mindestens einmal in der Woche Röntgen-Robert einfach nicht mehr kann, das Rufen der Vermissten zu laut wird und er zur Tat schreiten muss. Nein, das ist nicht sein Beruf, es ist seine Berufung.

A hero is a man who does what he can.

Bei seinem Einsatz darf er nicht gestört werden. Zunächst wird sein allmächtigstes Hilfsmittel – die Brille – aus dem bereits leicht abgewetzten Lederetui entnommen. Vorsichtig, aber bestimmt werden die beiden dicken Gläser mit einem feinen Mikrofasertuch gereinigt, damit kein Staubkorn oder Fettfilm die Sicht beeinträchtigen kann. Was danach folgt, ist für Außenstehende ein absolutes Mysterium und kann hier nur kläglich mit den zur Verfügung stehenden Worten beschrieben werden.

Ein Versuch soll es trotzdem wert sein: Bepackt mit der Liste der vermissten Werke, der Brille und dem einzigartigen Röntgenblick macht sich Robert auf der Suche. Zunächst am Orte des Geschehens, also dem eigentlichen Standort des Buches. Natürlich klafft dort, wo es zuletzt gesehen wurde, nur eine klaffende Lücke. Die benachbarten Werke wirken für ihn immer noch wie in großer Trauer ob des Verlustes ihres geliebten Nachbarn. Direkt noch mehr Ansporn für Röntgen-Robert, es gilt nun Indizien zu finden und die Superkraft gezielt einzusetzen.

Die Systemstelle und die Zugangsnummer sind meistens der Grund für das Verstellen von Büchern: Hier mal statt IC, CI gelesen oder 2300 mit 23000 verwechselt und schon steht das Medium in einem ganz anderen Regal oder manchmal gemeinerweise gar doch nur wenige Zentimeter weiter entfernt.

Some heroes don’t wear capes. They wear glasses.

Dies sind die Schritte, die auch noch von Normalsterblichen verstanden werden können. Was allerdings danach passiert, gleicht purer Magie: Mit geschultem und durch Hilfsmittel verstärktem Auge und einer wahnsinnigen Geschwindigkeit werden scheinbar zusammenhangslos die Regalreihen gescannt und analysiert. Die Augen Röntgen-Roberts wandern hin und her, als würde er sich an ein sehr spannendes Tischtennismatch erinnern.

Und siehe da: Tatsächlich findet er mit regelmäßiger Sicherheit die vermissten Medien und bringt sie sicher an ihren Platz zurück. Natürlich nicht, ohne vorher die Vermisstenanzeige zu löschen und somit den Fall wieder zurück zu den Akten zu legen. Teilweise an komplett abgelegenen Orten werden so die Bücher gerettet und die Kolleg*innen können nur schauen, aber nicht sehen, wie dieses Prozedere vonstattengeht.

Dennoch ist selbst bei Röntgen-Robert die Erfolgsquote nicht bei 100 %. Es gibt sie also immer noch: die Bücher, die als verschollen gelten und Robert weiter Hilfe-rufend in den Ohren liegen. Ein nie enden wollender Kampf gegen das Vergessen, gekämpft von einem Superhelden, der keine Aufmerksamkeit braucht. Der getrieben ist; ein Suchender, der versucht, wie bei einem guten Puzzle alle Teile an ihren richtigen Ort zu setzen. Nein, es ist nicht der Held, den wir verdienen, aber der, den wir brauchen.

js

Röntgen-Robert aus Sicht eines vermissten Buches.
Meinungen?

2 Kommentar(e)

cl |

07. Dezember 2022

Großartig! Our friendly neighbourhood librarian. :)


FrauMitDutt |

07. Dezember 2022

There are many horrible sights in the multiverse. Somehow, though, to a soul attuned to the subtle rhythms of a library, there are few worse sights than a hole where a book ought to be. (Terry Pratchett, Guards! Guards!)