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Bibliotheken und Archäologie – Teil 7: Die Vindolanda tablets

Avatar of Student/in Student/in | 21. August 2022 | Lesestoff, Bibliotheken und Archäologie



Als die Archäologen im März 1973 im britischen Vindolanda eine schlammige Grabenverfüllung ausgruben, kamen auch dünne, ölige organische Plättchen zum Vorschein. Gesäubert und geöffnet zeigte sich Schrift den erstaunten Ausgräbern. Die sog. Vindolanda tablets, dünne Holztäfelchen aus Erlen- oder Birkenholz, waren damals eine kleine archäologische Sensation.

Die Papyri aus Ägypten und dem Orient waren bis dato eine singuläre Erscheinung gewesen, was die Dokumentation von Alltagsschriftkultur anbelangte. Dies hatte sich über Nacht geändert. Mittlerweile wurden Tausende Fragmente gefunden, die einen reichhaltigen Einblick in das Lagerleben eines Auxiliarkastells im römischen Britannien um das Jahr 100 bieten.

Zu den wichtigsten Tafeln gehört auch die früheste. Auf dieser Tafel wird die Einheitenstärke der 1. Tungerer-Kohorte aufgelistet, wie viele Soldaten ins Nachbarlager Corbridge abgeordnet waren, wie viele krank waren und wie viele Centurionen vor Ort waren. Weitere Listen, quasi als „Einkaufzettel“ geben Einblicke in den Speiseplan von Lagerpräfekt Flavius Cerialis, berichten davon, dass mulsum (Gewürzwein) und Honig gekauft wurden, Wild und Gemüse. Auch ein Urlaubsantrag wurde gefunden, in dem ein Soldat darum bittet, im Lager Corbridge für seine Verwandten einkaufen gehen zu dürfen.

Andere Tafeln sind Briefe, von einfachen Soldaten an ihre Kameraden, die sich um ihr gegenseitiges Wohlbefinden sorgten (und sich beklagen, warum das Gegenüber ihnen so lange nicht geschrieben hat!), von Getreidehändlern, wie viele Wagenladungen sie wann zu liefern gedenken. Und den Brief von Offiziersgattin Claudia Severa, die ihre Freundin Sulpicia Lepidiana zu ihrer Geburtstagsfeier einlädt.

Die Tafeln wurden vor Ort hergestellt, dünne Holzfurniere, und mit Tinte beschrieben. Sie waren von vornherein als Wegwerfprodukt konzipiert, alle Tafeln, die man gefunden hat, sollten als Müll entsorgt werden! Sie wurden auch nach gewissen Standards hergestellt, die meisten Tafeln hatten etwa die Größe von modernen Postkarten.

Sie bieten einen einzigartigen Einblick in die doch alltägliche Verwendung von Schrift, schriftlichen Aufzeichnungen und Korrespondenz in der römischen Kaiserzeit um das Jahr 100. Sie sind Ausdruck eines „funktionalen Alphabetismus“ – zu sehen auch in den schriftlichen Wahlwerbungsgraffitis von Pompeji – dieser Zeit. Davon künden auch andere Schrifttträger, wie Wachstafeln, Ostraka, Inschriften und Papyri. Wie viele Menschen damals Lesen und Schreiben konnten ist schwer zu sagen. Auch wenn dies deutlich weniger gewesen sein müssten als heute, ihre ganze Welt war von Schrift und schriftlichen Erzeugnissen geprägt gewesen.

 

(mb)

Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich von meiner inhaltlichen Arbeit auf aubib. Es hat mir großen Spaß gemacht in den letzten drei Jahren den Blog mit zu bespielen. Vielen Dank!

 

Literatur

R. Birley, Vindolanda. A Roman frontier fort on Hadrian's Wall 1(Chalford 2009)

A. Birley, Garrison life at Vindolanda. A band of brothers (Stroud 2011)

A. K. Bowman, Literacy in the Roman empire: mass and mode, in: M. Beard – A. K. Bowman – M. Corbier – T. Cornell – J. L. Franklin – A. Hanson – K. Hopkins – N. Horsfall, Literacy in the Roman world, Journal of Roman archaeology, Supplementary series 3 (Ann Arbor, Mich. 1991) 119–132

A. K. Bowman, Life and letters on the Roman frontier. Vindolanda and its people (London 2003)

A. K. Bowman – J. D. Thomas, Vindolanda. The Latin writing-tablets, Britannia monograph series 4 (Gloucester 1984)

A. K. Bowman – J. D. Thomas, The Vindolanda writing-tablets. (Tabulae Vindolandenses II) (London 1994)

A. K. Bowman – J. D. Thomas (Hrsg.), The Vindolanda writing-tablets. (Tabulae Vindolandenses) Volume III 1(London 2003)

M. Reuter – M. Scholz, Alles geritzt. Botschaften aus der Antike 2004(München 2005)

Roman Inscriptions of Britain (RIB), Tab.Vindol. 154. Strength report of the First Cohort of Tungrians, zuletzt aktualisiert am 22.04.2022, https://romaninscriptionsofbritain.org/inscriptions/TabVindol154 (16.08.2022)

Roman Inscriptions of Britain (RIB), Tab.Vindol. 291. Birthday Invitation of Sulpicia Lepidina, zuletzt aktualisiert am 13.04.2022, https://romaninscriptionsofbritain.org/inscriptions/TabVindol291 (20.08.2022)

 

Bildnachweis: alle 20.08.2022 unter CC BY-NC-SA 4.0

The Trustees of the British Museum, 1989,0602.21 https://media.britishmuseum.org/media/Repository/Documents/2014_9/30_10/d9eb6eff_06e1_4303_a157_a3b600b133c1/mid_00195211_001.jpg

The Trustees of the British Museum, 1986,1001.64 https://media.britishmuseum.org/media/Repository/Documents/2014_10/1_6/c92c38c9_c6be_4482_a01d_a3b700716099/mid_00033854_001.jpg

 

Einen tollen Einblick in die Grabungs- und Konservierungsarbeiten vor Ort bietet:

Vindolanda Trust, Revealing the Vindolanda Writing Tablets. https://www.youtube.com/watch?v=c9F_KcfIa_s

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1 Kommentar(e)

Bibliothekar |

22. August 2022

Sehr schade, dass es diese Reihe nun nicht mehr geben wird! Sie war immer sehr unterhaltsam und hat Farbe in den Blog gebracht.