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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Adventskalender (23): Eine Oase inmitten des Chaos

Avatar of Student/in Student/in | 23. Dezember 2021 | Adventskalender, Lesestoff



 

Dina Abramowicz wurde 1909 in Vilnius geboren. Aufgrund der wechselhaften Geschichte der Stadt wuchs sie mehrsprachig auf und lernte russisch, polnisch und jiddisch. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Vilnius war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr groß, weshalb die Stadt auch als „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet wurde. So war es Abramowicz möglich, jiddischsprachige Schulen zu besuchen und die Sprache fließend zu erlernen. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie polnische Literatur und Philosophie und nahm schließlich eine Stelle in der Zentralen Jüdischen Kinderbibliothek an. Parallel dazu begann sie ihre Arbeit an einer Institution, die sie fast ihr gesamtes Leben über begleiten und prägen würde: das YIVO (Yidisher Visnshaftlekher Institut), später auch als Institute for Jewish Research bekannt. YIVO ist ein Institut zur Erforschung der Kulturgeschichte des osteuropäischen Judentums, das Judaica zusammenträgt, Wissen zur jüdischen Geschichte sowie jiddischer Sprache und Literatur sammelt und die Forschung zu diesen Themen fördert. Es hatte seinen ursprünglichen Hauptsitz in Abramowiczs Heimatstadt Vilnius.

Abramowiczs Leben änderte sich drastisch mit dem Einmarsch der Truppen der deutschen Wehrmacht in Vilnius im Sommer 1941. Das Leben der jüdischen Einwohner:innen war von nun an durch Repressalien und Gewalt geprägt. Wer keine offizielle Bescheinigung der Arbeitsfähigkeit hatte, wurde von den Besetzern ermordet. Dina Abramowicz konnte durch ihren Onkel gerettet werden. Als im September 1941 in der Stadt ein Ghetto errichtet wurde, in das die jüdische Bevölkerung zwangsverbracht wurde, zog auch sie dort ein. Von nun an war sie vom Rest der Stadt durch Mauern und Stacheldraht getrennt.

Das Leben im Ghetto war geprägt durch ständige Hungersnöte und grassierende Krankheiten. Immer wieder fanden Selektionen und Ermordungen statt. Gleichzeitig errichteten die Bewohner:innen dort selbstorganisierte Schulen, ärztliche Versorgung und kulturelle Einrichtungen wie eine Bibliothek. Gründer dieser Ghetto-Bibliothek war Herman Kruk, der zuvor ebenfalls am YIVO tätig gewesen war und nun aus den Beständen einer großen jüdischen Bibliothek sowie Büchern aus seinem Privatbesitz und Spenden den Grundstock einer neuen Bibliothek für die Ghetto-Bewohner:innen aufbaute. Für dieses Projekt bat er Dina Abramowicz um ihre Hilfe. Ihre erste Reaktion war Skepsis, wie sie sich später zurückerinnerte: „How can we think of a library under these conditions, and who will come to read books there?“1 Nachdem sie zur Antwort bekam, was man denn sonst in solch einer absurden Situation tun solle, willigte sie ein.

Die Ghetto-Bibliothek sollte den Nutzenden als Zufluchtsort inmitten der schrecklichen Zustände, die außerhalb ihrer Räume herrschten, dienen und wurde auch als solcher angenommen. Laut den Aufzeichnungen Kruks, der während seiner Zeit im Ghetto und darüber hinaus Tagebuch führte, war vor allem Belletristik und insbesondere alles, was dem Eskapismus zuträglich war, gefragt. Dina Abramowicz betonte später besonders die Wichtigkeit der Bibliothek für Kinder: „So bedeuteten die Bücher den Ghetto-Kindern vielleicht den einzigen Zugang zum Reich der Phantasie, das sie sich um jeden Preis erobern wollten.“2 In all ihren Tätigkeiten standen die Menschen, denen sie damit dienen wollten, im Vordergrund; so waren die Räume der Bibliothek täglich geöffnet und die Bücher kamen, wenn nötig, auch zu den Leser:innen, die sie am meisten brauchten, z.B. in Gefängnisse oder zu Zwangsarbeiter:innen in Fabriken. Gleichzeitig diente die Bibliothek als Ort des Austauschs und des gesellschaftlichen Miteinanders. Sie erfreute sich großer Beliebtheit und konnte bereits im Dezember 1942 die hunderttausendste Ausleihe feiern.

Die Geschichte der Ghetto-Bibliothek in Vilnius endete mit der Auflösung des Ghettos und der Deportation der jüdischen Bewohner:innen. Dina Abramowicz konnte als eine von wenigen entkommen, da sie aus dem Bahnwaggon, der sie in ein Lager transportieren sollte, fliehen konnte. Nachdem sie bis zum Kriegsende eine Partisanengruppe als Hilfskrankenschwester unterstützt hatte, emigrierte sie 1946 in die USA, wo sie Englisch lernte und später auch Bibliothekswissenschaft studierte. Ab 1947 war sie sie in New York am YIVO tätig, das bereits 1940 angesichts der wachsenden Bedrohung seinen Hauptsitz hierher verlegt hatte. Viele der einzigartigen Archivbestände konnten damals gerettet werden, nicht zuletzt mit Abramowiczs Hilfe. Andere, die von den Nazis beschlagnahmt und verschleppt worden waren, konnten teilweise von den amerikanischen Streitkräften aufgefunden und in die USA gebracht werden. Auch wertvolle Kulturgüter, die von Kruk und Abramowicz vor der Aussortierung und Beschlagnahmung gerettet worden waren, fanden sich nun in den Beständen des YIVO wieder.

Am YIVO unterstützte Dina Abramowicz im Laufe ihrer langen Tätigkeit zahllose Forschende und Studierende der Judaistik. Viele Danksagungen erwähnen sie als unerschöpflichen Wissensquell und wandelnden Zettelkatalog. Sie stellte interessierten Wissenschaftler:innen Informationsquellen und Bibliographien zusammen, war mit Transkriptionen und Übersetzungen aus dem Jiddischen behilflich, lektorierte wissenschaftliche Arbeiten und half Menschen, die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren zu rekonstruieren. Ab 1962 übernahm sie die Leitung der Bibliothek des YIVO und baute die Bestände weiter aus, sodass dort heute die weltweit größte Sammlung an Werken in jiddischer Sprache zu finden ist. Neben der Unterstützung und Förderung der Forschung zur jiddischen Sprache und jüdischer Geschichte war sie selbst an diversen Publikationen wie wissenschaftlichen Artikeln, Enzyklopädieeinträgen und Bibliographien beteiligt und blieb auch in hohem Alter als „research librarian“ an der Bibliothek des YIVO beschäftigt.

Für ihre Beiträge zur Forschung zur jüdischen Geschichte und der jiddischen Sprache wurde Dina Abramowicz mehrfach ausgezeichnet. Nach ihrem Tod im Jahr 2000 ehrte sie das YIVO mit einem Stipendium in ihrem Namen, das an Forschende im Bereich der osteuropäischen Judaistik vergeben wird.

(lm)


1 Berger, Joseph: Dina Abramowicz, 90, Librarian and Yiddish Expert, Dies. In: New York Times, 09.04.2000, Section 1, S. 39. Online zu finden unter https://www.nytimes.com/2000/04/09/nyregion/dina-abramowicz-90-librarian-and-yiddish-expert-dies.html, zuletzt abgerufen am 22.12.2021.

2 Abramowicz, Dina: Die Bibliothek im Wilnaer Ghetto. In: Raimund Dehmlow (Hrsg.): Bücher und Bibliotheken in Ghettos und Lagern (1933–1945). Laurentius, Hannover, 1991.

 

Weitere Quellen:

Baker, Zachary M.: Dina Abramowicz. In: Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women. Jewish Women's Archive. Link: https://jwa.org/encyclopedia/article/abramowicz-dina, zuletzt abgerufen am 22.12.2021.

Kruk, Herman, Binyamin Harshav (Hrsg.): The Last Days of the Jerusalem of Lithuania: Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944.  YIVO, New Haven, 2002.

Kühn-Ludewig, Maria: Dina Abramowicz (1909-2000). In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden. Band 10/2000, Heft 1, S. 271f.

Wikipedia-Einträge zu Ghetto Vilnius und Ghetto-Bibliothek. Links: https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Vilnius und https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto-Bibliothek, beide zuletzt abgerufen am 21.12.2021.

Bildnachweis: Adventskalender: aubib unter Verwendung von Annie Spratt auf Pixabay und Freepik via Flaticon ; Sara Facio, via Wikimedia Commons

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