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Bibliotheken und Archäologie – Teil 4: Die Villa dei Papiri in Herculaneum

Avatar of Student/in Student/in | 07. Juni 2021 | Bibliotheken | International, Lesestoff



Nach einem Erdbeben mehr als 15 Jahren zuvor befand sich die große Villa noch in Reparatur. Etwas außerhalb der Stadt Herculaneum gelegen hatte man auf ihren Terrassen und der langen, von einer Porticus verzierten Strandpromenade einen wundervollen Blick aufs Mittelmeer, an dessen Küste die Gebäude ausgerichtet waren. Die Bibliothek war noch nicht fertig, also waren viele Schriftrollen in Kisten verpackt, verstaut um bald wieder in Regale einsortiert zu werden.

Es hätte so schön sein können, wenn, ja wenn, dieser Vulkan im Jahre 79 nach Christus nicht ausgebrochen wäre, und die Villa, die Stadt Herculaneum und das nahegelegene Pompeji unter Asche und Lava begraben hätte. Es war eine gewaltige Naturkatastrophe mit vielen Todesopfern.

Die Villa selbst wurde von einem bis zu 370°C heißen pyroklastischem Strom überrollt und blieb Jahrhunderte unter dieser zementartigen Masse begraben. Ebenso wie die Papyri, die zwar äußerlich verkohlt wurden, aber ansonsten unter Sauerstoffausschluss doch sehr gut von Lava konserviert ihrer Entdeckung harrten.

Im Jahre 1752 fanden Ausgräber, auf der Suche nach antiken Schätzen, einen kleinen Raum, 2,6m mal 3,2m groß, mit den Resten von mannshohen Regalen, in denen sich verkohlte, zylinderförmige Gegenstände befanden. Viele davon wurden als Müll entsorgt oder schon bei der Freilegung zerstört. Bald erkannte man aber, dass es sich hier um Schriftrollen handelte. Ordentliche Grabungen wurden angestellt, unter der Schirmherrschaft von König Karl VII. von Neapel und Sizilien, und rasch mehr als 1800 Rollen geborgen. Heute befinden sich die meisten davon in der Nationalbibliothek von Neapel.

Schon bald begann die mühevolle Arbeit, die Rollen zu entziffern. Durch den äußerst fragilen Erhaltungszustand konnte man sie nicht einfach entrollen. So gingen auch durch die vielen Versuche im 18. und 19. Jahrhundert sich ihnen wissenschaftlich zu nähern weitere Rollen verloren. Man schnitt sie auf und schrieb von den Fragmenten ab, was man entziffern konnte, Lage für Lage. Man baute Maschinen, die sie sehr langsam, Millimeter für Millimeter, über Jahre hin abrollten. Man versuchte es mit verschiedenen Chemikalien. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war noch nicht einmal die Hälfte der Rollen bearbeitet, entziffert oder veröffentlicht.

In den letzten Jahrzehnten kamen weniger invasive Methoden zum Einsatz. Mit Röntgenstrahlen und Magnetresonanzanalysen rückten die Wissenschaftler den Rollen zu Leibe. Bereits 2011 wurde bekannt gegeben, dass 1600 Rollen digitalisiert werden konnten.

Heute werden Methoden wie die Röntgen-Phasenkontrasttomografie angewendet, mit denen kleinste Kontrastunterschiede zwischen dem verkohlten Papyrus und der ruß- oder kohlehaltigen Tinte erkannt werden können. Zeile für Zeile kann so eine Rolle entziffert werden. Und das ohne sie physisch auszurollen und womöglich zu beschädigen. Rein virtuell entfaltet sich so z.B. der Inhalt von etwa 300 fast komplett erhaltenen Rollen, die bisher noch gar nicht untersucht worden waren.

Doch was ist denn überhaupt auf ihnen zu Lesen? Was steht auf ihnen geschrieben? Der Besitzer der Villa war fleißiger Sammler philosophischer Schriften in griechischer Sprache. Erhalten sind z.B. einige Bücher des Hauptwerks von Epikur (341-271/70 v. Chr.), peri physeos (Über die Natur). Den Schwerpunkt bilden aber Schriften seines Anhängers Philodemus von Gadara (110-40/35 v. Chr.), der wohl auch in Herculaneum wohnte. Hinzu kommen weitere Fragmente und Schriften anderer Autoren. Das meiste ist auf Griechisch verfasst, nur in Ausnahmen wurden lateinische Texte entdeckt.

Schriftzeugnisse, die uns auf direktem Wege überliefert worden sind, ohne den Umweg über mittelalterliche Abschriften zu nehmen, sind natürlich besonders bedeutend. Zu erwähnen sind hier auch die Oxyrhynchus Papyri oder die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer.

Ihre Erhaltung ist aber die Ausnahme, denn das mediterrane Klima setzt dem Beschreibmaterial stark zu. Dies und andere Gründe sorgen dafür, dass man schätzt, dass uns heute von der antiken Schriftkultur weniger als 1% erhalten geblieben sind. Die einzige antike Bibliothek, die uns annähernd in ihrer Gesamtheit vorliegt, ist die der Villa dei Papiri.

Es ist eine private, philosophisch ausgerichtete Spezialbibliothek, womöglich auch nur eine spezielle Abteilung. Denn auch nach 250 Jahren Ausgrabung ist nur ein Teil der Anlage ergraben. Und womöglich warten noch viele weitere Papyri unter der Lava auf ihre Entdeckung.

 

(mb)

 

mb war 2008 im Zuge einer Grabungskampagne in Pompeji hier vor Ort. Lang ist’s her.

 

Quellen / Links:

http://www.bnnonline.it/index.php?it/121/officina-dei-papiri-ercolanesi

https://www.faz.net/aktuell/wissen/verkohlte-woerter-zwei-schriftrollen-aus-der-villa-dei-papiri-17179615.html

https://www.romanoimpero.com/2020/04/villa-dei-papiri.html

https://www.spektrum.de/news/die-hoffnung-auf-das-unlesbare/1687132

 

weitere Quellen / Links:

https://arachne.uni-koeln.de/arachne/index.php?view[layout]=bauwerk_item&search[constraints][bauwerk][searchSeriennummer]=2103188

https://de.wikipedia.org/wiki/Herculanensische_Papyri

https://de.wikipedia.org/wiki/Herculaneum

https://en.wikipedia.org/wiki/Herculaneum_papyri

https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_dei_Papiri

 

Bildnachweis:

Rekonstruktion der Villa dei Papiri: www.romanoimperio.com https://1.bp.blogspot.com/-mTAkCf-xEaA/X46Ba3lamcI/AAAAAAAA3cU/xQeuzNsWPp0jZkE5qc1GMZ-czImvbr_yACLcBGAsYHQ/s1200/villa%2Bdei%2Bpapiri.jpg (07.06.2021)

Situation der Ausgrabung im Februar 2008: mb. Man beachte den immens hohen Lavasockel über dem Gebäude.

Karbonisierter Papyrus während des Scannens: www.romanoimperio.com https://1.bp.blogspot.com/-akcBP8kctDs/XoYuj0IT45I/AAAAAAAA0SU/2N9GIXM96u4c8mi_95YqIB4RkUHOYaN3ACLcBGAsYHQ/s1600/villa-dei-papiri.jpg (07.06.2021)

 

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