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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Besser schlafen… mit Büchern

Avatar of Student/in Student/in | 08. Januar 2021 | Gedankensprünge



Besser schlafen… mit Büchern

Was könnte schöner sein, als aufzuwachen und von einer Bibliothek umgeben zu sein?

Es ist nicht erst seit gestern ein Trend: jede(r) von uns hat sicher schon schlafende StudentInnen im Lesesaal gesehen, wie sie zu einer beliebigen Uhrzeit – je nach Biorhythmus – ihren Kopf auf Laptop, Schreibunterlagen oder Bücher gesenkt haben, den Kapuzenpulli gleichsam einem abschirmenden Schlafsack über sich gezogen. Ein Schelm, wer sie verjagen wollte, schließlich wissen wir: Wer schläft, sündigt nicht...

Nur sind die meisten Bibliotheken nicht so eingerichtet, dass sie dem zeitlich begrenzten, jedoch anscheinend regelmäßigen Bedürfnis ihrer Lernenden entgegenkommen. Zwar wurden die Öffnungszeiten in vielen öffentlichen wie Unibibliotheken in den letzten Jahren so weit ausgeweitet, dass sie bis spät abends – manche auch 24/7 als „Open Library“ – den Aufenthalt gestatten. Von entsprechender Möblierung geschweige denn der schlaffördernden Dunkelheit aber sieht man oft keine Spur.

Betten und Liegen für den „Power Nap“ fehlen also. Dennoch hat sich in den letzten Jahren im Zuge des Selbstverständnisses als Lernort auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass man sich an verschiedene Lernsituationen bzw. Lerntypen anpassen müsse. Der eine lernt gerne auf dem Sofa, der andere im Stehen, ein dritter bevorzugt den klassischen unbequemen und unflexiblen Lesesaal-Holzstuhl. Wo man im Zuge dieser Erkenntnis auch bequeme Möbel reingestellt hat, begeben sich die Damen und Herren Studierende auch gern mal in die Horizontale, meist freilich (und hoffentlich) nur zum individuellen Schlafbedürfnis.

2014 startete ein Student der FU Berlin eine Petition, in der er gar einen Schlafsaal angrenzend an die Bibliothek forderte. Zitat: „Bei Schließfächer-Mangel und einer Philologischen Bibliothek, in der es bei Regen tropft, ist die FU ihren Studierenden wenigstens das schuldig!“ Mit nur 68 Unterstützern erzielte die Petition leider nur eine begrenzte Aufmerksamkeit. Ob die potenziellen Mitzeichner wohl zu müde waren?

Im Übrigen fordern ein guter Schlaf und ein langlebiges Buch im Wesentlichen die gleichen Umgebungsbedingungen: möglichst nicht zu warm (unter 18°C) und eine Luftfeuchtigkeit von 40-50% sowie möglichst wenig Licht sind gute Konservierungsbedingungen sowohl für Bücher als auch für schlummernde Menschen. Sollten wir also Schlafmöglichkeiten in abgedunkelten Freihandmagazinen schaffen? Hier tritt dennoch das Problem der dort häufig staubigen Umgebung auf.

Dass Bücher und schlafende Menschen jedenfalls gut zusammen passen, beweisen schon seit längerem Bibliotheken und Hotels (die sich in dem Fall nur durch den kommerziellen Aspekt unterscheiden): Im ostchinesischen Quinglongkeng (nein, den Namen hab ich mir nicht ausgedacht) steht seit Kurzem ein Kapselhotel mit großer Bibliothek. Zwischen den Regalen befinden sich Schlafkojen. Die gleiche Idee wurde in Tokio mit „Bed and book“ verwirklicht.

Auf dem europäischen Kontinent (wenn auch nicht mehr in der EU) befindet sich die Gladstone Library, in der Nähe des walisischen Städtchens Chester. Die Bibliothek wurde nicht nur 1894 von Premierminister William Gladstone gegründet und bietet einen erlesenen Altbestand von 150.000 Büchern, sondern bietet gleichzeitig die Möglichkeit, vor Ort im hauseigenen B&B für 87 Pfund (95 Euro) zu übernachten. Da die Bibliothek jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet ist, kann man von der Lektüre nahtlos ins Bett wechseln und umgekehrt.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Rocky Mountain Land Library (bei Denver, Colorado), eine naturwissenschaftliche Bibliothek mit 50.000 Büchern mitten in der Pampa, äh, Verzeihung, atemberaubenden Natur. Die Eröffnung separater Gästezimmer ist hier für 2021 geplant, schon jetzt kann man anscheinend aber unter freiem Himmel dort campen. Wer was über die Natur lernen will, die er dort vor Augen hat, hat gleich das richtige Buch in Reichweite.

In Deutschland findet sich ebenfalls ein gallisches Dorf, das das Prinzip Schlafen in Bibliotheken hochhält: die Stadtbücherei Nordenham (bei Bremerhaven, mhm das wäre mal einen Ausflug wert beim nächsten Bibliothekartag…). Die Bücherei bietet „Übernachtungen“ für Schulklassen an. Zitat:

„Der Knüller! Sie kommen am Abend mit Ihrer Klasse in die Bücherei und bleiben bis zum anderen Morgen. Die Kinder ‚schlafen‘ zwischen den Regalen.“

Ob das so bequem ist auf dem Boden?

Da wir schon dabei sind, soll hier natürlich auch das Library Hotel in New York (Zimmer ab 156 $ = 126 €/Nacht) erwähnt werden. Jedes der zehn Stockwerke entspricht einer der zehn Hauptklassen der Dewey Decimal Classification und ist entsprechend thematisch gestaltet.

Wer immer noch nicht von der Notwendigkeit schlaffördernder Maßnahmen für BibliotheksbenutzerInnen überzeugt ist, dem sei gesagt, dass die positiven Effekte von Schlaf auf Lernen und Gedächtnis schon lange bekannt und wissenschaftlich bestätigt sind. Wer etwa Vokabeln lernt und sich danach kurz hinlegt, kann sich anschließend an mehr erinnern als jemand, der keine Runde gedöst hat1. Schlaf hilft nicht nur dem Kurz-, sondern auch dem Langzeitgedächtnis, Lerninhalte abzuspeichern.

Fazit: Wer Lernort sein will, muss auch Schlafort werden. Also: Kissen raus, Kuscheltier daneben, Licht aus!

(ag)

(Bildnachweis: The Creative Exchange, via Unsplash)

1 Siehe Feil, Sylvia J. „Wir lernen im Schlaf.“ Chemie in unserer Zeit 41, Nr. 5 (2007), S. 358.

Meinungen?

2 Kommentar(e)

Leserin |

12. Januar 2021

supercool und spannend


Leserin |

09. Januar 2021

Ein sehr schöner Artikel!