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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Die Edelsteine (19) - Weihnachten

Avatar of Student/in Student/in | 24. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 19: Das Hollywood nicht besser hätte schreiben können

Matthias Couleuvre saß mit Handschellen auf einem Stuhl im Großen Saal der Bibliothek und schwieg. Neben ihm zwei Polizisten und hinter ihm Kommissar Feist. Seinen angeklebten Bart, Sonnenbrille und die blonde Perücke hatte man ihm abgenommen. Seine Augenringe hingen tief.

In einer anderen Ecke saß Josef, aufblickend.

Direktor Feichtenbeiner saß ebenfalls auf einem Stuhl, mit fixem Blick auf Couleuvre, dann hinüberschweifend zu Julia Kies, die sich rücklings an einen Schreibtisch gelehnt hatte.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, werte Kollegin. Doch erlauben Sie mir die Frage: Was hat Sie auf seine Spur geführt?“

Kies blickte auf ihren ehemaligen Kollegen.

„Nun, es ist eigentlich recht simpel. Dass Sie, Herr Couleuvre, über die Ottheinrich-Bibel promoviert haben, ist ja hinreichend bekannt. Dass Sie Ihre Masterarbeit aber über Linear B verfasst hatten, wusste kaum jemand. Sie hatten dies in Ihren Lebensläufen auch nie angegeben. Als ich auf dem Repositorium der HU Berlin über Ihre Arbeit stolperte, hatte ich keine Zweifel mehr: Niemand anderes als Sie mit Ihren brillanten Altsprachenkenntnissen konnte die Entführernachrichten selbst verfasst haben.

Sie sind nicht der einzige Altbestandsbibliothekar, der seinem Bestand verfallen ist. Es gibt mehrere Fälle solcher, die plötzlich dem Wahn verfielen, die alten Bücher und Manuskripte ihrer Bibliothek zu Geld machen zu wollen. Sie, Herr Couleuvre, raubten zunächst mehrere Inkunabeln, auch den Codex Bernensis nahmen Sie mit. Um verschwinden zu können, täuschten Sie einfach Ihre eigene Entführung vor. Den Schlüsselbund ließen Sie absichtlich in der Tür des Tresorraums stecken, um die Inszenierung noch glaubwürdiger zu machen, so als ob Sie am helllichten Tag von unbekannten Tätern überwältigt worden wären.

Nun, aber dann sahen Sie, dass Sie mit dem Codex und den Handschriften nichts anfangen könnten, weil sie auf dem Markt sofort als Unika auffallen würden, sie wären unverkäuflich, weil man ihre Herkunft genau feststellen konnte. Deshalb gierten Sie nach alten Drucken, botanische Werke des 17. Jahrhunderts, die zumindest noch in so großer Anzahl auf der Welt vorhanden waren, dass man ein oder zwei Auktionshäuser damit hinters Licht führen könnte.

Doch die Übergabe hatten Sie schlecht geplant – oder sagen wir, wir waren zu vorsichtig. Sie konnten jedenfalls die erpressten Bände nicht unbemerkt aus dem Wald abholen. So scheiterte Ihr Vorhaben.

Ihnen muss das Geld ausgegangen sein. Schließlich griffen Sie in Verzweiflung dazu, die Edelsteine aus dem Prachteinband des Codex Bernensis herauszutrennen und sie dem nächstbesten Auktionshaus anzudrehen. Chapeau! Der Ruf dieses Hauses dürfte wohl ruiniert sein.

Das letzte Indiz lieferten Sie mir durch Ihre witzige Verkleidung. Zugegeben, sie war auf den ersten Blick nicht schlecht.“

Kies drehte sich Richtung Fenster, lächelte. „Sie haben sich heute passend zum Fest gekleidet. Schwarze Lackschuhe.“ Sie drehte sich wieder um und grinste. „Aber vor allem:… Rentiersocken.“

Die Runde war sprachlos. Direktor Feichtenbeiner setzte an zur Lobeshymne: „Es ist wirklich ganz außerordentlich, mit welchem Scharfsinn und welcher Konsequenz Sie das Rätsel gelöst haben, Frau Kies. Ihnen allein….“

„Nein, Herr Direktor, danken Sie nicht mir allein. Danken Sie auch Josef.“

Beide blickten in seine Richtung.

„Hätte Josef nicht in der letzten Nacht den Schlüsselbund an mein Fenster geworfen, hätte ich mir nie die Akkreditierung fürs Auktionshaus schnappen können. Josef ist es auch zu verdanken, dass Couleuvre nicht mehr an Beständen aus dem Magazin wegschaffen konnte. Wann immer Couleuvre im Magazin zugegen war, war Josef in der Nähe. Als er fälschlicherweise der Entführung verdächtigt wurde, hat er alles über sich ergehen lassen, obwohl er unschuldig ist. Sie sollten Ihrem treuesten Mitarbeiter danken.“

Feichtenbeiner drückte Josefs Hand. Beide waren den Tränen nahe. „Ich… ich muss mich aufrichtig entschuldigen, Herr Ehrlich. Ich… hoffe, Sie möchten als Magazinleiter Ihren Dienst wieder bei uns aufnehmen? Es wäre für uns alle das größte Weihnachtsgeschenk dieses Jahr.“ Und, in dem er auf Kies zeigte und lächelte: „Die zukünftige Direktorin würde sich jedenfalls freuen.“


ENDE


(ag)

 *** Das aubib-Team dankt allen seinen zahlreichen LeserInnen in Nah und Fern, auch für die vielen Kommentare, und wünscht allen frohe Festtage und ein gutes, gesundes und glückliches neues Jahr! ***

(Bildnachweis: karosieben, via Pixabay)

 

 

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