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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Die Edelsteine (8) - Wo alles noch viel schlimmer wird

Avatar of Student/in Student/in | 10. Dezember 2020 | Adventskalender, Lesestoff



Kapitel 8: In welchem alles noch viel schlimmer wird

Couleuvre entführt? Direktor Feichtenbeiner wollte seinen Ohren kaum trauen. Als sie alleine in seinem Büro waren, erzählte ihm Julia Kies, wie sie den altgriechischen Zettel entschlüsselt hatte:

„Die Natter ist mein Prometheus, mein Minotauros – so der Spruch. Wenn man sich die beiden antiken Mythen ansieht, stellt man zunächst Folgendes fest:

Prometheus stahl im antiken Mythos den Göttern das Feuer. Zur Strafe wurde er gefesselt, und ein Adler pickte ihm immer wieder aus seiner Leber. Minotauros war ein Monster mit dem Kopf eines Stiers und dem Körper eines Menschen, entstanden, weil Pasiphae, die Frau von Minos, dem König von Kreta, in Folge diverser Verwicklungen es mit einem Stier getrieben hatte. Minos hielt diese Missgeburt in einem Labyrinth gefangen und opferte ihm Jugendliche aus Athen als Fressen, bis Theseus schließlich den Minotauros tötete.

Welche Gemeinsamkeiten haben der Minotauros und Prometheus? Nun, beide wurden gefangen gehalten, der eine wegen seiner Missetaten, der andere wegen seiner Geburt.

Nun zur ‚Natter‘. Das wollte mir erst nicht aufgehen, doch dann erinnerte ich mich an meine – zugegeben etwas rudimentären – Französischkenntnisse. Die Natter heißt auf Französisch – ‚couleuvre‘.“

Feichtenbeiner wurde bleich im Gesicht.

Kies fuhr fort: „Entschlüsselt heißt der Satz also ‚Herr Couleuvre ist mein Gefangener‘, der Absender der Post hält ihn gegen seinen Willen irgendwo fest. Als Beweis wurde die Socke mitgeschickt.“

Feichtenbeiner war sprachlos. Die Argumentation Kies‘ war so scharf und treffsicher wie ein Beil. Eine andere Interpretation gab es nicht für die Vorfälle der vergangenen Woche, die ihren Höhepunkt in der mysteriösen Postsendung fanden.

„Ich bin beeindruckt, werte Kollegin. Jedoch… können wir im Augenblick nichts tun, scheint mir. Ich meine, wir wissen nichts darüber, wer Couleuvre entführt hat und wo er ihn versteckt hält. Es gibt auch keine Lösegeldforderung oder Ähnliches.“

„Das ist richtig, Herr Direktor.“ Sie stand auf und ging ans Fenster. Unter ihr lag die Stadt, der Fluss, gehüllt in Wind, Kälte und vollkommen grauer Bewölkung. „Wir müssen abwarten. Hat Herr Couleuvre eigentlich keine Familie?“

Feichtenbeiner schüttelte den Kopf. „Keine Frau, und zumindest keine Freundin, von der ich wüsste. Ich glaube, die Mutter, die ist schon etwas betagt, aber die lebt noch. Irgendwo bei Lausanne, wenn ich mich richtig erinnere, hat er mir mal erzählt. Er fuhr an Weihnachten und Ostern immer für ein paar Tage zu ihr. Von Geschwistern weiß ich nichts.“

Kies blieb stumm.

„Ich könnte vielleicht versuchen, die Mutter ausfindig zu machen und zu kontaktieren…“

„Lassen Sie mal, Herr Direktor. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob uns das weiterhilft. Allerdings… auf dem Papier waren ja noch zwei Signaturen. Diese Signaturen gehören in unseren Bestand. Vielleicht sollten wir mal ins Magazin gehen und sie uns ansehen. Wer auch immer diesen Zettel geschrieben hat, er wollte uns damit etwas sagen.“

Am nächsten Morgen, es war der Freitag, wollten sie gemeinsam der Sache nachgehen. Nachdem sie die Bibliothekarinnen Schumann und Brecht samt Magaziner Josef zusammengetrommelt hatten, machten sie sich auf in den Westflügel. Dort war der Großteil des Altbestands gelagert. Josef ging voraus, sperrte auf, und schloss hinter ihnen wieder die Tür. Im Gänsemarsch trippelten sie zwischen den eng aufgestellten Regalreihen. Feichtenbeiner schritt voran, geradewegs zu den Inkunabeln, bis er vor dem gesuchten Regal stand.

„Inc.ult. VS 1…. VS 3…. Der auf dem Zettel genannte Band, die Nr. 2 fehlt!“, stieß er aus. Sein fragender Blick richtete sich an Frau Schumann. „Sie haben vorher im Katalog geschaut, ob…?“

„Jawohl, Herr Direktor. Der Band ist weder auf Geschäftsgang noch anderweitig abgängig laut System. Er müsste am Standort stehen.“

Kurz prüfte man noch suchenden Blickes, ob er vielleicht links oder weiter rechts verstellt worden war, doch eigentlich war es schon klar: die Inkunabel war weg. Gleiches Schicksal ereilte sie, als sie den Verbleib des Bandes mit der zweiten genannten Signatur prüfen wollten. 18/92 Bot.lat. 39, ein botanisches Werk vom Ende des 16. Jahrhunderts, reichhaltig geschmückt mit ganzseitigen Pflanzendarstellungen, stand ebenfalls nicht im vorgesehenen Regal.

„Nicht nur, dass man mir meine Bibliothekare entführt, jetzt auch noch die wertvollsten Werke!“ Vermutlich war der Hinweis auf die Signaturen die verschlüsselte Bitte, man möge ein Lösegeld für Mann und Medien anbieten. Feichtenbeiner wurde ganz schwindelig. „Ach, wie soll ich das bloß der Staatsbibliothek erklären? Sobald es die Öffentlichkeit erfährt, bin ich erledigt.“

Die Blicke der Umstehenden fielen auf Josef, der ein paar Meter entfernt im Halbdunkeln mit dem Rücken an eine Wand gelehnt stand, die Hände in den Hosentaschen.

„Josef“, bemerkte Kies, „Sie… haben Sie vor dem Verschwinden Couleuvres, oder auch im Anschluss jemand Fremden durchs Magazin gehen sehen? Oder hat sich jemand Unbefugtes mal in der Nähe der Räumlichkeiten aufgehalten?“

Josefs Augen weiteten sich. Schnell ging sein Blick zu Boden, und seine Hände vergruben sich noch tiefer in den Taschen. „Nein, Frau Kies.“ Und noch etwas leiser: „Nein, wirklich nicht, ich hab… niemanden hier gesehen. Ich weiß nicht, wie die Bände verschwunden sind.“

Feichtenbeiner runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. „Josef, ab morgen früh um sieben machen Sie und Ihre beiden Kollegen vom Magazindienst hier eine Komplettrevision, angefangen bei den Inkunabeln. Ich möchte zeitnah eine vollständige Liste der Werke, die fehlen.“

Josef schwieg.

Die Gruppe machte sich schon wieder auf den Weg nach draußen, als sie am Tresorraum des Magazins vorbeikamen. „Herr Direktor…“ Kies fasste Feichtenbeiner am Arm. „Da war doch noch diese einzelne Handschriftenseite aus Pergament, von der Sie dachten, sie könnte aus dem Codex Bernensis stammen.“

„Nun, Frau Kies, der Codex ist zum Glück gut geschützt. Einen Schlüssel und den Code für den Tresor haben nur ich, sowie der Direktor der Staatsbibliothek, und Couleuv…“ Feichtenbeiner stockte. „Schauen wir nach.“

Feichtenbeiner entsperrte den Tresorraum. Sie betraten den winzigen Raum. Genauer gesagt mussten sie eigentlich in der Tür stehen bleiben, viel Platz gab es hier drin nicht für die fünf. Der Codex Bernensis lag in der Truhe der Hohenfels.

Diese verhältnismäßig kleine, aber doch schwere Holztruhe gehörte einmal der Adligen Bernadette von Hohenfels, einem Adelsgeschlecht aus Oberfranken. Wie und wann genau in den letzten Jahrhunderten die Truhe ihren Weg in die Bibliothek gefunden hatte, wusste keiner mehr. Es war auch allen egal, solange die Familie keine Besitzansprüche stellte. Man hatte sich darüber schon Mitte des letzten Jahrhunderts gütlich mit der Familie geeinigt. Die Authentizität des Möbels war lange umstritten, stand aber nach Untersuchungen in den 60er Jahren eindeutig fest, nachdem in einem versteckten doppelten Boden der Truhe Briefe der Bernadette von Hohenfels gefunden worden waren, die keinen Zweifel mehr zuließen. Mehr oder weniger aus Platzgründen hatte man den Codex Bernensis dort auch gelagert.

Die Truhe musste bewegt werden, damit man sie öffnen konnte.

„Josef, Sie sind der einzige starke Mann hier. Helfen Sie mir!“, rief ihm Feichtenbeiner zu. Josef entledigte sich seines Schlüsselbundes, den er in der Hand gehalten hatte, legte ihn auf ein Regal, und packte tatkräftig mit an. Fast hätten sie die Tür verschrammt, so schwer war das Teil. Als sie die Truhe endlich herumgedreht und platziert hatten, drehte Direktor Feichtenbeiner an einem silbernen Mechanismus, der Deckel ließ sich heben, um den Blick freizugeben für das kostbarste Stück der Sammlung.

Doch Feichtbeiners Blick glitt erschrocken bis auf den Boden der Truhe. Sie war leer! Der Codex Bernensis war entwendet worden! „Das ist das Ende!“ Das waren seine einzigen Worte, bevor er in Ohnmacht fiel.

Fortsetzung folgt

(ag)

(Bildnachweis: Mariusz Matuszewski, via Pixabay)

 

 

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