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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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Ideenbibliothek ÖB (2) – Neue Bauten in Europa

Avatar of Student/in Student/in | 07. Februar 2020 | Bibliotheken | International, Gedankensprünge



Ideenbibliothek ÖB (2) – Neue Bauten in Europa

Wir hatten uns schon vor einigen Wochen hier mit aktuellen Trends und Ideen in öffentlichen Bibliotheken befasst, wobei unsere Bibliotheken eher damit auskommen müssen, baulich keine großen Veränderungen vornehmen zu können. Baut man sich eine öffentliche Bibliothek gleich neu (und stimmt das Geld), ist noch so einiges mehr möglich, wie man in mehreren Ländern Europas beobachten kann.

Die neu erbaute Zentralbibliothek Helsinkis, Oodi (deutsch: „Ode“), beispielsweise wurde von der IFLA zur Bibliothek des Jahres 2019 gewählt (hier eine Präsentation mit vielen Impressionen, vom IFLA Satellite Meeting vom August 2019). Eine Besonderheit hier ist die fast schon kompromisslose Anpassung an die Wünsche und Bedürfnisse der Öffentlichkeit. Man könnte fast sagen, die Bibliothek gehört den Besuchern. Schon vor Beginn des Baus wurde die Helsinkier Bevölkerung nach ihren Wünschen befragt, und versucht, die in ein stimmiges Gesamtkonzept zu bringen. Vieles konnte realisiert werden - von der Sauna mal abgesehen.

In der im November 2018 eröffneten Bibliothek begegnen sich nun Makerspace und AV-Studio fürs Learning by doing, Spielekonsolen, ein Kino, viele Pflanzen und eine öffentliche Küche für Entspannung und Austausch, sowie eine vielfältige bequeme Möblierung. Zwar gibt es auch noch Bücher als Randerscheinung (ca. 100.000), doch der Schwerpunkt liegt auf Partizipation und Aktion: so finden häufig Events statt, die von den Besuchern selbst organisiert werden, vom Sprachkurs bis zum Schachclub. Die Bibliothek stellt nur noch die Räume zur Verfügung, die Bibliothekare sind in den Hintergrund getreten – man hat sie teilweise sogar durch bücherbringende Roboter ersetzt !

In Tilburg (Niederlande) hat man eine ehemalige Lokomotivhalle der holländischen Staatsbahn umgebaut, energetisch saniert, und daraus die LocHal gemacht. In dieser neuartigen Bibliothek im Industrial-Chic-Design steht Partizipation durch Flexibilität im Mittelpunkt. Es steht nicht nur eine Vielfalt an Möbeln und Räumen zur Verfügung, diese können auch selbst flexibel angepasst werden: Als Raumtrenner fungieren Vorhänge, die spontan große und kleine Räume für verschiedene Zwecke wie Events, Vorlesungen, Diskussionen uvm. entstehen lassen können. Ebenso die Möbel: ein langgezogener Arbeitstisch kann verschoben und so zu einer Verlängerung der hauseigenen Bar werden, oder aber zu einer Rednerbühne. In die Treppen hat man teils Sitze eingebaut, so dass diese zu einem Auditorium werden können. Selbst Kinder kommen auf ihre Kosten, sie können nämlich auf Matten liegen, die aussehen wie ein riesiges aufgeschlagenes Buch, und für die Erwachsenen gibt es ein GameLab, ein FoodLab, eine Ausstellung zur Lokalgeschichte (TimeLab), ein DigiLab und ein FutureLab. Bücher und Lesesaal ? Ja, ähm, die sind auch irgendwo… glaub ich.

Als dritte im Bunde sei die neue Osloer Zentralbibliothek Deichman Bjørvika vorgestellt, die Ende März 2020 eröffnet wird. Diese beeindruckt nicht nur durch Rolltreppen und ihr nachhaltiges Baukonzept (als Passivhaus), sondern auch durch eine umfassende Zonierung und Einbeziehung vieler Funktionen: im Eingangsbereich soll es ein Café und ein Kino geben. Daneben in höheren Stockwerken viel Learning by doing mit Makerspace, AV-Studio, Minikino und Theaterbühne, Spieleräume, aber auch Platz für Diskussionen und Veranstaltungen durch Auditorium, Seminarräume sowie ein Speaker‘s Corner. Auch klassische Bibliotheksbenutzer kommen noch auf ihre Kosten durch ein umfangreiches Freihandmagazin und einen Lesesaal ganz oben mit Aussicht über den Oslofjord. Mannigfalte Möblierung je Zone sollen dafür sorgen, dass jeder sein Lieblingsplätzchen findet.

Was kann man als Quintessenz festhalten? Die neuen Bibliotheksbauten beeindrucken vor allem damit, dass sie weit, ja sehr weit, über das hinaus gehen, was man sich als klassische Bibliothek vorstellt. Sie verstehen sich als Zentrum der Gemeinschaft. Sie gehören der Öffentlichkeit, passen sich jederzeit räumlich an ihre Benutzer an, ermöglichen Lernen nicht nur durch Medienbenutzung, sondern auch durch aktive Teilhabe, Diskussionen, Ausprobieren und Selbermachen. Sie sind verspielte Orte, kulturelle Orte, Orte der Begegnung und Orte zum Entspannen. 
Sie sind „idea stores“, Einkaufszentren für Ideen (das spiegelt sich zum Teil metaphernartig wider, durch etwa die eingebauten Rolltreppen in Oslo, oder die Aufstellung der Bücher als eine Art Einkaufsstraße in Tilburg). Man könnte diese neuen Bibliotheken auch als „Super“-Orte bezeichnen, weil sie so viele Funktionen und Möglichkeiten bündeln (mit Ausnahme von sportlichen Aktivitäten, aber warten wir mal ein paar Jahre…).

Welchen Platz nehmen da noch Bibliothekare ein ? Ob sie in den neuen Gebäuden mehr denn je für Informationsvermittlung und Betreuung gebraucht werden, ob sie eher im organisatorischen Hintergrund arbeiten, oder gar nicht mehr richtig gebraucht werden – darauf gibt die Architektur keine Antwort.

(ag)

(Bildnachweise: Vadelmavene, HT-boek, Ssu; alle via Wikimedia Commons)

Meinungen?

4 Kommentar(e)

Advocatus diaboli |

12. Februar 2020

So wollte ich das auch nicht ausdrücken, es geht mir nur um die Denkweise. In dem ersten Kommentar steht, dass uns das "Angebot von Medien" definiert.

Das sehe ich anders. Ich glaube, die größten Fehler die Bibliotheken machen, kommen daher, dass wir von der falschen Seite aus denken, nämlich von dem aus was WIR tun.

 

Was diese ganzen neuen Bibliotheken gemacht haben war aus der Seite der NutzerInnen zu denken! Design Thinking, User Centered Design, diese ganzen fancy buzz words führen dazu, dass man richtig gute Services anbieten kann - weil man sich selbst erstmal zurücknimmt. Und wenn wir konsequent darauf hören, was Menschen von uns erwarten, was wir ihnen bieten können und die Angst unsere Aufgaben zu verlieren mal einen Moment zurückstecken, kommen solche wunderbaren Dinge raus!

 

Beispiel: In der Dokk1 in Aarhus haben sie genau das gemacht und was sie gespürt haben ist, dass den Menschen Gemeinschaft fehlt. Jetzt gibt es dort eine große Glocke die immer, wenn ein neues Kind in Aarhus zur Welt kommt läutet - und die ganze Bib hält dann kurz inne und freut sich, das soll total schön sein :)

 

Was ich damit sagen will ist: Wer sagt denn, dass eine Bibliothek sich über Medien definiert? Wir sind diejenigen, die Wissen schaffen, verbreiten und fördern! Dürfen wir wirklich selbst definieren, was Wissen, Kultur und Gemeinschaft bedeuten? Wir sind für die Gesellschaft da, darf die Gesellschaft dann nicht selbst entscheiden, was Bibliothek bedeutet? :)


Besucherin |

12. Februar 2020

Ich meine ja nicht, dass wir "für" unsere Medien da sind, sondern dass wir diese anbieten. Bibliothekar*innen, die nur auf die Schätze aufpassen und ja niemanden ranlassen, sind natürlich nicht der Sinn der Sache. Aber bilden wir nicht die Brücke zwischen diesen Schätzen und der Community? Leute, die Diskussionen, Kinos etc. verwalten, sind für mich keine Bibliothekar*innen. Das ist dann eine neue Berufssparte und eine neue Art von Ort - wie gesagt eher in die Richtung Gemeindezentrum.


Advocatus diaboli |

11. Februar 2020

Uns nur über unsere Medien zu definieren finde ich eher traurig. Richard David Lankes sagt doch so schön, dass unser eigentlicher Bestand die Menschen sind!

Ich finde als BibliothekarInnen sind wir vor allem für unsere Community da, nicht für unsere Medien :))


Besucherin |

10. Februar 2020

Ich frage mich, ist so ein Gebäude dann noch eine Bibliothek? Oder mehr ein Gemeindezentrum, in dem eben auch eine Bibliothek mit integriert ist? Dritter Ort schön und gut, ich finde es absolut sinnvoll, Veranstaltungen, Kurse, Diskussionsräume etc. zum Teil der Bibliothek zu machen. Aber uns definiert doch nach wie vor auch das Angebot von Medien und die Unterstützung bei der Informationssuche. Oder wie seht ihr das?