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Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

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"Es wird nur in einem gemeinsamen Miteinander gehen!" - Interview mit Andrea Kaufmann (Libraries4Future)

Avatar of Externe/r Autor/in Externe/r Autor/in | 25. November 2019 | Gastbeitrag, Interview



"Es wird nur in einem gemeinsamen Miteinander gehen!"

Libraries4Future

Interview mit Andrea Kaufmann, Vorsitzende des Netzwerks Grüne Bibliothek und Mit-Initiatorin von Libraries4Future

 

Frau Kaufmann, was ist das Netzwerk Grüne Bibliothek und welche Ziele verfolgt es ?

Das Netzwerk Grüne Bibliothek hat sich 2018 gegründet, erst als Interessengemeinschaft, später als Verein. Wir Gründungsmitglieder haben uns 2017 auf einer Satellite Conference des Weltbibliotheksverbandes IFLA kennengelernt, die von der grünen Special Interest Group ENSULIB organisiert wurde. Wir stellten damals fest, dass wir einige Leute aus dem deutschsprachigen Raum sind, die sich schon längere Zeit mit den Themen Nachhaltigkeit, Klima- und Ressourcenschutz sowie Umweltbildung in und durch Bibliotheken beschäftigen: Einige von uns hatten Abschlussarbeiten in diesem Themenfeld geschrieben, andere hatten anderweitig publiziert oder auch praktische Erfahrungen in der Arbeit in ihren Bibliotheken gesammelt. Interessant war aber, dass sich die meisten von uns nicht gegenseitig kannten. Da ist uns klar geworden, dass wir im deutschsprachigen Raum kein geeignetes Forum für diese Thematik haben - und da wir alle der Überzeugung waren, dass in diesem Bereich in den Bibliotheken sehr viel passieren muss in absehbarer Zeit, haben wir beschlossen, mit dem Netzwerk Grüne Bibliothek eine solche Plattform zum Thema der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit zu gründen, um einen Diskussionsprozess in den Bibliotheken anzustoßen und Bibliotheken auch ganz konkret bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen zu unterstützen. Das tun wir heute. Wir stellen Informationen bereit, die Bibliotheken unterstützen sollen, Klima- und Ressourcenschutz in ihren Arbeitsalltag zu bringen, entwickeln gemeinsam neue Ideen und Kooperationen, beraten Bibliotheken oder moderieren Diskussionsprozesse zu Nachhaltigkeitsstrategien in Bibliotheken. Außerdem tragen wir zur Weiterbildung von Bibliotheksmitarbeiter*innen bei. Ein weiteres Vorhaben, welches uns besonders am Herzen liegt, ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung zur Grünen bzw. Nachhaltigen Bibliothek. Die Thematik muss langfristig viel mehr in die Curricula der Hochschulen und Universitäten Eingang finden. Wir unterstützen deshalb Studierende auch beim Finden von Abschlussarbeitsthemen.

 

Und wie kam es zu Libraries4Future ?

Libraries4Future ist im Sommer 2019 als gemeinsame Initiative einiger Mitglieder des Netzwerks Grüne Bibliothek und dem LIBREAS-Verein entstanden und hat vor allem einen gesellschaftspolitischen Impetus. Damit soll auch der Gesellschaft aufgezeigt werden, dass Bibliotheken die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich Bibliotheksmitarbeiter*innen im Bund mit den anderen For-Future-Gruppen dem Klima- und Ressourcenschutz widmen. Hier kann jede und jeder ganz persönlich mit seiner Unterschrift für sich selbst entscheiden, ob er/sie sich dieser Grundsatzerklärung anschließen und sich damit auch zu einem eigenen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz verpflichten möchte - unabhängig davon, was die eigene Bibliotheksleitung, die Ausbildungseinrichtung, Institution oder der eigene Verband sagt. Dies dient sicher auch dazu, dass Bibliotheksmitarbeiter*innen auch für sich selbst eine gewisse Klarheit bekommen können, wie wichtig das Thema für sie ist. Natürlich ist es auch für Bibliotheken und Bibliotheksverbände eine gute Gelegenheit, ein Statement zu setzen. Wir sprechen mit Libraries4Future alle Menschen an, die in Bibliotheken beschäftigt sind, die über Bibliotheken forschen, für sie ausbilden oder die sich in anderer Hinsicht mit Bibliotheken verbunden fühlen.

 

Man hat ja den Eindruck, die Klimaschutzdebatte ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – in den Bibliotheken noch gar nicht richtig angekommen. Hat die Bibliothekswelt das Thema verschlafen oder tun wir uns einfach so schwer, es in der Praxis auch anzugehen?

Auf den ersten Blick könnte man sicher den Eindruck bekommen, dass die Bibliothekswelt das Thema verschlafen hat. Ich würde dies allerdings nicht so ohne weiteres unterschreiben wollen. Ich wage mal die These, dass Sie heute keine einzige Bibliothek in Deutschland mehr finden werden, die sich nicht wenigstens in einigen kleinen Dingen für Klima- und Ressourcenschutz einsetzt - und sei es nur durch das Einsparen von Papier und sonstigen Materialien. Bibliotheken sprechen jedoch wenig darüber, was dann den Eindruck erweckt, dass in Bibliotheken nichts zum Klimaschutz passiert. Diesen Eindruck haben dann leider auch nicht nur Vertreter*innen oder Anwärter*innen unserer eigenen Zunft, sondern auch in Politik und Gesellschaft wird das Potenzial von Bibliotheken als mögliche Orte der sozial-ökologischen Transformation bisher viel zu wenig wahrgenommen. Gute Bildungs-Aktionen von EINZELNEN Bibliotheken werden daran auch kaum etwas ändern. Bibliotheken müssten zur Nachhaltigkeitsthematik mehr Öffentlichkeitsarbeit machen und mehr kooperieren - sowohl untereinander als auch mit zivilgesellschaftlichen und kommunalen Initiativen, der Forschung und weiteren Bildungspartnern.

Bibliotheken können ja auch nicht unabhängig agieren. Manche Bibliotheksmitarbeiter*innen erleben heute auch, dass sie z.B. nötige Anschaffungen nachhaltig tätigen wollen, aber da z.B. Öffentliche Bibliotheken ja oft mit den Kommunen gekoppelt sind, kommen Bibliothekar*innen an ihre Grenzen, wenn sich die entsprechenden Mitarbeiter*innen in den Kommunen nicht gut genug mit der Thematik auskennen. Dann müssen sie zum Schluss doch das günstigste, aber nicht-ökologische Angebot kaufen. Deshalb: Nicht nur Bibliotheken müssen sich ändern, sondern auch in übergeordneten Verwaltungsstrukturen, bei Architekten oder sonstigen Projektpartnern sind Weiterentwicklungen nötig, damit Bibliotheken nachhaltiger handeln können - da gibt es eine Wechselwirkung.

 

Ein zentraler Satz der Libraries4Future-Grundsatzerklärung lautet „jeder kann und jeder muss handeln“. Wie soll das Ihrer Meinung nach konkret aussehen? Je größer die Bibliothek, desto ohnmächtiger fühlt sich doch der Einzelne, er könne wirklich etwas bewirken, oder?

Dies ist auch einer der Gründe, warum Libraries4Future entstanden ist. Wir haben in Diskussionen oft gehört, dass Bibliothekar*innen gern einige Dinge klimaschutzgerecht in Bibliotheken ändern würden, dass aber z.B. der Chef oder die Kolleg*innen dafür nicht offen sind. Libraries4Future soll zeigen, dass wir viele sind, die das Thema Klimaschutz in Bibliotheken wichtig finden - weltweit - und soll damit auch denjenigen Mut machen, die sich vielleicht bisher noch gar nicht getraut haben, ihre Ideen überhaupt dem Chef oder der Chefin vorzustellen. Es gibt übrigens auch viele Bibliotheken, wo die Chefetage sich Klima- und Ressourcenschutz auf die Agenda geschrieben hat und die Mitarbeiter*innen davon aber noch nicht überzeugt sind. Solche Umbrüche, wie wir sie gerade erleben, sind immer schwierig. Es wird nur in einem gemeinsamen Miteinander gehen! Zuhören und Verstehenwollen aller Positionen ist sehr wichtig. Klimaschutz als Erfordernis der Zeit kann man nicht einfach nur top-down verordnen. Bibliotheksleiter*innen würden sich selbst meines Erachtens einen großen Gefallen tun, wenn sie das Potenzial ihrer Mitarbeiter*innen für Ökologie und Klimaschutz stärker berücksichtigen würden. Viele Menschen haben Spezialkenntnisse im Bereich Nachhaltigkeit, die sie in ihrer Freizeit anwenden. Wenn man darauf auch an der Arbeitsstelle besser eingehen und diese Möglichkeiten nutzen würde, hätten alle einen Gewinn daraus. Eine Mitarbeiterin ist vielleicht Hobby-Imkerin und könnte mit ihrem Spezialwissen sehr gut eine Ausstellung zum Thema Bienen zusammenstellen, ein anderer Mitarbeiter kann vielleicht sehr gut mit der Nähmaschine umgehen und könnte Instruktionen für Nutzer*innen geben, wie sie für ihre Bibliotheksbücher einen schützenden Buchumschlag nähen können und damit zu deren längerer Haltbarkeit beitragen. Gleichzeitig kann die Leitungsebene in Öffentlichen Bibliotheken kritisch hinterfragen, ob es noch sinnvoll ist, jedes Buch zu foliieren oder ob nicht besser die Plastikfolie eingespart werden könnte! Eine Orientierung an nachhaltigen und ökologischen Zielen und Ideen kann also auch das Team wieder stärker miteinander ins Gespräch bringen und einen besseren Teamgeist erzeugen - jedenfalls, wenn alle offen bleiben für die Meinungen der anderen.

 

Ein weiterer Leitsatz lautet „Die Politik ist gefordert“. Soweit richtig. Interessant ist aber, dass die Verbünde und Verbände gar nicht auftauchen. Spielen die in dem Prozess eine untergeordnete Rolle?

Leider tun sie das (lacht :-)). Ich würde mir durchaus ein bisschen mehr Visionäres von den Verbänden wünschen zum Thema Nachhaltigkeit. Ich hoffe sehr darauf, dass das im Jahr 2020 kommt. Das wäre jedenfalls extrem wichtig für die strategische Entwicklung der Bibliotheken in den kommenden Jahren und Jahrzehnten.

 

Wie stellen Sie sich eine nachhaltige, klimafreundliche Bibliothek der Zukunft vor?

Ich würde mir wünschen, dass gerade bei Bibliotheksgebäuden, die neu gebaut werden, die besten derzeit vorhandenen Energiekonzepte erprobt werden: Bibliotheken im Passivhausstandard oder als Plusenergiehaus mit einem klimaneutralen Konzept auch für das integrierte Rechenzentrum. Es sollten neben den üblichen Leseräumen diverse Räume zum Ausprobieren von Ideen für verschiedene, auch gemischte Zielgruppen - von der Kitagruppe bis hin zu den grünen Startups -  zur Verfügung stehen. Klimaschutz in Aktion - von Upcycling-Projekten bis hin zu naturwissenschaftlichen Experimenten und Gesprächsrunden. Im Bibliotheksgarten kann man allein oder in Gemeinschaft in der Erde wühlen, aussäen, Unkraut jäten, Gemüse ernten oder sich auch nur bei einem Fairtrade-Café und einem guten Buch ausruhen.


Vielen Dank für das Gespräch !

 

An diesem Freitag, 29. November findet wieder ein globaler Klimastreik-Aktionstag statt. Auch Libraries4Future ruft zur Teilnahme auf. Wer sich der Münchner Gruppe anschließen möchte: Treffpunkt ist um 11:30 Uhr am Wittelsbacherplatz. Mehr zu Libraries4future auf libraries4future.org

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