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Reading in a Digital Environment

Avatar of Externe Externe | 21. November 2019 | Gastbeitrag, Kongress / Tagung



Am 8. November fand an der Universität Regensburg die internationale Konferenz Reading in a Digital Environment statt. Organisiert vom Arbeitskreis Schlüsselkompetenzen der Universitätsbibliothek versammelte sie mehr als 120 angemeldete Teilnehmer*innen aus den verschiedensten Disziplinen, um über die Herausforderungen des Lesens in Zeiten des Medienwandels zu diskutieren.

Spätestens seit der „Stavanger-Erklärung“ der europäischen Forschungsinitiative E-READ im Januar 2019 war das Thema des Lesens in digitalen und hybriden (Lern-)Umgebungen ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. In ihr hatten mehr als 130 Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen Befunde aus der empirischen Leseforschung zusammengefasst, Empfehlungen für Bildungseinrichtungen und Hochschulen ausgesprochen sowie zentrale Fragen für die zukünftige Forschung formuliert.

Begleitet wurde die Regensburger Konferenz von einem umfangreichen Rahmenprogramm, einschließlich zweier Führungen durch das neu eröffnete Eye-Tracking-Labor auf dem Campus. Dreh- und Angelpunkt am 8. November war aber das Foyer des Vielberth-Gebäudes, in dem sich die Teilnehmer*innen um die Poster scharten und bei Kaffee oder Suppe in den Pausen ein intensiver Austausch stattfand. Im Zentrum standen natürlich die Vorträge der internationalen Referent*innen, die ein breites inhaltliches Spektrum abdeckten und von denen im Folgenden einige herausgegriffen seien.

Anne Mangen, Professorin an der Universität Stavanger und Mitinitiatorin der Stavanger-Erklärung, sprach über ihre empirische Forschung zur Haptik des Lesens und ihre Auswirkungen auf die kognitive und emotionale Verarbeitung. So zeigte sich in einem Experiment, bei dem die Proband*innen einen längeren narrativen Text entweder in einem Buch oder auf einem E-Reader lasen, dass die Leser*innen der Buchform vor allem bei der Einschätzung der Chronologie und der Plotrekonstruktion signifikant besser abschnitten. Ist die Verarbeitung von zeitlichen und räumlichen Informationen, so eine Hypothese Mangens, also sensomotorisch an das Medium Buch gebunden, bei dem wir nicht nur sehen, sondern auch spüren, wo im Text wir uns befinden? Darüber hinaus plädierte Mangen dafür, den Dualismus „Bildschirm oder Buch“ in der Diskussion zu überwinden, um sich stattdessen differenziert auf die zahlreichen Spielarten des Lesens und ihre jeweiligen Kontexte zu konzentrieren.

Peter Afflerbach, Professor of Education an der University of Maryland, Washington D.C., präsentierte seine Forschungen zu den Schlüsselstrategien, die erfahrenen Leser*innen gemein sind. So ließ er das Publikum in einer kleinen Übung selbst über seine Lesestrategien reflektieren, indem er uns mit einem wissenschaftlichen Fachtext aus einer vorher nicht bekannten Disziplin konfrontierte, der sich noch dazu um einen nicht aus dem Text erschließbaren Kernbegriff drehte. Als zentral für das erfolgreiche Lesen stellten sich dabei vor allem so genannte metakognitive Strategien heraus. Darunter fällt zum einen das Hinterfragen der eigenen Vorgehensweise – Habe ich das richtig verstanden? Muss ich den Absatz nochmal lesen? –, zum anderen aber auch das Vertrauen in sich selbst, Textverständnis zu erreichen, das entscheidend für die Lesemotivation ist und von Leseanfänger*innen erst einmal erworben werden muss.

Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig und Professor für Philosophie, näherte sich dem Thema in seinem Abschlussvortrag schließlich aus einer ganz anderen Perspektive. Anhand von Fotos von Leser*innen aus Bibliothekslesesälen sowie von Gemälden, in denen die porträtierten Personen mit einem Buch posieren, aber durch einen Finger im Buch erkennen lassen, dass der Akt des Lesens noch nicht abgeschlossen ist, zeichnete er eine kleine Kulturgeschichte der Lese-Unterbrechung. Für das Lesen, so Schneider, seien Unterbrechungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und so ein integraler Teil des Leseprozesses.

Bibliotheken, so das von den Initiator*innen der Konferenz Stephanie Aufschnaiter, Dr. André Schüller-Zwierlein und Prof. Dr. Nikolaus Korber präsentierte Fazit, sind Lesezentren, deren Kernaufgabe es ist, das Lesen in all seinen verschiedenen Formen – digital und auf Papier, close reading und schnelles Überfliegen, unterbrochen und immersiv  –  zu schützen und zu fördern. Wie das am besten geschehen kann, dazu ist weitere interdisziplinäre Forschung unerlässlich.

Buchtipp: Wolf, Maryanne. Reader, Come Home: The Reading Brain in a Digital World. Harper, 2018.

 

Lea Marquart ist Bibliotheksreferendarin an der Universitätsbibliothek Regensburg.

 

Bildnachweis: Perfecto_Capucine

Meinungen?

1 Kommentar(e)

u |

25. November 2019

Enorm spannende Thematik. Ich bin etwas neidisch, nicht dort gewesen zu sein. Daher vielen Dank für den Buchtipp. Ich werde mich weiter mir dem Thema beschäftigen.