Herzlich Willkommen im Blog! Link zur Hauptseite des Blogs

Hier berichten wir von den großen und kleinen Erlebnissen unserer Ausbildungsreise – von Exkursionen in alte und neue Bibliotheken, von Studienfahrten und Praktika in fernen und nicht ganz so fernen Städten, von Vorträgen, Konferenzen und natürlich dem Studienleben in München.

Herzlich Willkommen im Blog! Link zur Hauptseite des Blogs

Weltkarte




"Unseren Werkzeugkasten erneuern!" - Interview mit Felix Lohmeier

Avatar of Student/in Student/in | 14. August 2019 | Fachliches, Interview



Werkzeug

Felix Lohmeier ist selbstständiger IT-Berater und gründete mit Sebastian Meyer die Firma Open Culture Consulting. Zuvor durchlief er mehrere Positionen im Bibliothekswesen, unter anderem an der SUB Göttingen, der SLUB Dresden und der SUB Hamburg. 

 

aubib.de: Felix, du warst früher in Bibliotheken und bist nun selbstständig. War das Bibliothekswesen die falsche Entscheidung?

Felix Lohmeier: lacht Ich bin ja immer noch im Bibliothekswesen unterwegs, nur eben selbstständig, insofern nein. Ich war da sehr glücklich. Als ich aus privaten Gründen von Dresden nach Hamburg gezogen bin, war nicht sofort eine interessante Stelle frei, deshalb war die Selbstständigkeit erstmal ein Versuch. Ins Bibliothekswesen bin ich sowieso eher zufällig gekommen. Ich habe Politik-, Kulturwissenschaften und Psychologie in Göttingen studiert und bin durch eine Abschlussarbeit in das TextGrid-Projekt der Bibliothek eingestiegen. Nach und nach bin ich dann richtig in Bibliotheken angekommen. 

 

Würdest du also sagen du warst „Bibliothekar“?

Mir fehlt die bibliothekarische Grundausbildung, also bin ich eher Quereinsteiger. Aber besonders in Dresden habe ich auch klassische bibliothekarische Aufgaben übernommen, Informationsvermittlung und auch Fachreferatsarbeit – also ja!  

 

Zusammen mit Sebastian Meyer hast du Open Culture Consulting gegründet - was macht diese Firma genau?

Wir bieten IT-Beratung und vermitteln IT-Dienstleistungen für Kulturinstitutionen. Momentan sind das vor allem Bibliotheken, aber damit sind auch andere Einrichtungen, wie Museen oder Archive gemeint. Unser Ziel ist Offenheit in Bibliotheken bei Themen wie Open Data oder Open Source, v.a. in Verbindung mit IT. Da gibt es ja viel Innovation und das unterstützen wir als Externe, beispielsweise durch Gutachten oder Projekte wie das neue Discoverysystem für das Literaturarchiv Marbach. 

 

Du hast es gerade angesprochen - das Thema Openness treibt dich persönlich, aber auch beruflich um - wie würdest du dieses Stichwort definieren?

Das mit den Definitionen ist immer so eine Sache… Ich würde sagen, die meisten im Bibliothekswesen kennen Open Access und Open Source. Openness ist das übergreifende gemeinsame Konzept. Es definiert sich in der Wissenschaft vor allem durch Transparenz und gemeinsame Nutzung. Schaut man aus diesem Blickwinkel, dann lassen sich neben Open Access und Open Source noch weitere Facetten erkennen wie Open Data, Open Educational Resources, Open Peer Review und so weiter.  Interessant an dem Konzept Openness ist auch, dass es als Leitbild taugt. Es ist für Bibliotheken sehr passend, denn die Idee des freien Zugangs zu Informationen und Wissen gehört schon immer zu uns. Dieses alte Konzept kann man im digitalen Raum neu aufgreifen! 

 

Sind Bibliotheken da Vorreiter oder macht uns jemand Konkurrenz?

Ich denke wir können und müssen viel von zivilgesellschaftlichen Projekten lernen, wie die Open Knowledge Foundation oder Wikimedia. Das sind die wahren Vorreiter! Bibliotheken haben leider manche Themen verpasst. Decentralized Web, Linked Data, diese Bereiche gehören zu uns, da müssen wir noch mehr tun.  

 

Deswegen auch der Open Library Badge?

[Open Library Badge ist ein Anreizsystem für mehr Offenheit im Bibliothekswesen, der 2016 ins Leben gerufen wurde. 2020 wird er erneut vergeben.]

Der Badge entstand ursprünglich aus einer Openness-Checkliste, die ich für einen Vortrag zusammengestellt hatte. Gerald Jagusch hatte dann die Idee das umzuwandeln und unter seiner Moderation wurde der Badge auf die Beine gestellt. Es ist ein Anreizsystem mit konkreten Schritten, die Bibliotheken unternehmen können, ansonsten bleibt Openness nämlich abstrakt. Die 10 bzw. bald 15 Kriterien sind nicht umfassend, aber etwas, womit man arbeiten kann. Die Verstärkung durch den Anreiz hat wohl funktioniert, denn die Badge-Träger machen Werbung damit, die Idee verbreitet sich und durch die Best Practices können andere von den Vorreitern lernen. 

 

Wo siehst du denn noch Verbesserungsbedarf?

In der Runde von 2016 erfüllten die beiden besten Bibliotheken, die UB Leipzig und die TIB Hannover, 7/10 Kriterien. Der Durchschnitt lag bei 4,5/10 Kriterien und das waren schon alles Bibliotheken, die als Vorreiter gelten. Einzelne Aspekte werden sehr gut und tief behandelt, andere aber ganz vergessen. Oft sind das kleine Dinge, die wenig Arbeit machen, wie Bilder der Bibliothek bei Wikimedia Commons freizugeben, die aber einen Unterschied machen. Um auf die Openness zurückzukommen: das verbindet! Es gibt die These, dass erfolgreiche Institutionen in der Wissensgesellschaft Vertrauen brauchen. Bibliotheken sollten einheitlich und verlässlich für Openness eintreten, sodass sie dafür Vertrauen bei NutzerInnen und WissenschaftlerInnen gewinnen! Konsequenz in allen Aspekten ist gefragt. 

 

Du bist häufig als Dozent unterwegs – weil du das vermitteln willst?

Eigentlich stelle ich da eher das praktische in den Vordergrund. Ich will Einstiegshilfe in IT-Themen bieten, gerade für junge Leute in Ausbildung und Studium, denn IT wird immer wichtiger. Aus eigenen Erfahrungen heraus will ich keine theoretischen Programmierkurse halten, sondern Dinge ganz praktisch anpacken. lacht Aber klar, ab und zu kommen meine Überzeugungen durch, z.B. bei Kursen zu kollaborativer digitaler Arbeit, die wie ich finde möglichst offen sein sollte. 

 

Themawechsel: auch mit Discovery beschäftigst du dich, du warst am Aufbau des SLUB Katalogs führend beteiligt und hast eine (sehr empfehlenswerte!) Vorlesung zum Aufbau eines Bibliothekskatalogs gehalten. Zunächst, was ist Discovery überhaupt?

Ein moderner Bibliothekskatalog muss optisch ansprechend und funktional gleichwertig mit modernen Suchmaschinen sein. Discovery bedeutet ja Entdeckung, es gehören also auch Konzepte wie Serendipity, also das Auffinden von Dingen, die man nicht direkt gesucht hat, unscharfe Suche (fuzzy search) etc. dazu. Während des Katalogprojekts an der SLUB habe ich einzelne Funktionen oft zu wichtig genommen, denn grundlegend ist: Discovery sollte gut aussehen, funktional sein, gute UX, einfach gute Bedienung bieten. Zusatzfeatures sind nicht so wichtig, wie man oft denkt. Das war auch im SLUBsemantics Projekt so, bei dem wir eine sehr coole, innovative semantische Suche entwickelt haben und diese später als Facette im Katalog angeboten haben. Letztlich haben die Nutzer sie leider kaum genutzt. Bibliotheken müssen immer wieder Innovationen versuchen. Man weiß aber vorher nicht immer, ob sie auch tatsächlich genutzt werden.  

 

Was denkst du, wie entwickelt sich Discovery in Zukunft?

Es gibt technisch sehr spannende Entwicklungen wie semantische oder graphenbasierte Suche. Inhaltlich gesehen muss man aber zuerst über Datenquellen nachdenken. Linked Data Suchen werden sicher irgendwann kommen. Das gravierende Problem ist aber unsere Datengrundlage, gerade im Bereich der eRessourcen. Oft sind diese gar nicht auffindbar, obwohl die Bibliothek sie lizenziert hat. Teilweise muss in extra Datenbanken recherchiert werden. Das ist, als würde ein teures Print-Buch im Regal stehen, aber nicht im Katalog verzeichnet sein, was natürlich wenig Sinn macht. Neue Suchtechnologien werden praktisch erst dann relevant, wenn wir dieses grundlegende Problem lösen!  

 

Zum Thema Discovery gibt es ja immer den leidigen Streit: sind wir Google, müssen wir Google sein?

Ich denke es ist nicht realistisch mit Google zu konkurrieren. Zwei Punkte sind da aber wichtig: 1) Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen müssen alternative Informationsversorgung bieten, die nicht marktwirtschaftlich geprägt ist. Das sichert das Grundrecht der Bürger nach neutraler Versorgung ohne Datenskandale und Tracking. 2) Bibliotheken gegen Google muss nicht sein. Wenn wir unsere Daten für den eigenen Katalog aufbereiten, können wir das auch für Suchmaschinen tun, was die Auffindbarkeit verbessert, gerade wenn es um Unikate geht. Mit diesen beiden Punkten erledigt sich das Gegeneinander eigentlich, finde ich. 

 

Dabei dreht sich der Streit sogar um scheinbar einfache Fragen, wie die Einschlitzsuche…

Ohne Statistiken vor mir zu haben: die Einschlitzsuche wird von den NutzerInnen erwartet, das ist mittlerweile Standard im Web, eine erweiterte Suche kann man ja zusätzlich anbieten. Es geht ja schon wieder weiter, mit sprachgesteuerter Suche durch Assistenzsysteme. Das ist schwieriger, denn in der Regel ist das Ziel ein einzelner, passender Treffer. Aber auch das können wir versuchen. Eine zu starke Bewertung gesellschaftlicher Entwicklungen ist sinnlos, wenn wir gleichzeitig die Informationsversorgung für alle erreichen wollen. Wir können die veränderten Nutzergewohnheiten nur annehmen und Schritt halten. 

 

Die UB Bamberg versucht das in ihrem Alexa Skill Projekt ja bereits.

Finde ich klasse, dass sie das in einem Projekt so erstmal für Alexa ausprobieren, das sollte man auf jeden Fall tun! Der nächste Schritt wäre dann eine Ausweitung auf andere Systeme, wie Google Home, Cortana und Open Source Alternativen, wie Mycroft. Damit die Bibliothek nicht nur auf ein kommerzielles Produkt setzt. Unterstützung für weitere Systeme kann man vielleicht in Hackathons entwickeln, auch das wäre wieder Openness. Und Bibliotheken tun generell gut daran, offene Alternativen zu unterstützen. Das geht beim dezentralen Internet ohne Plattformökonomie schon los. Da können sich Bibliotheken mehr engagieren. Wir werden es alleine nicht rumreißen, aber unterstützen sollten wir!

 

Themawechsel: In einem deiner Vorträge hast du auch über das Thema Fachreferat 3.0 gesprochen. Was ist das?

Der Vortrag ist schon etwas her, da bin ich momentan nicht auf dem Laufenden, ob sich der Begriff seitdem weiterentwickelt hat. Die Idee war, mehr community-building zu betreiben, um näher an WissenschaftlerInnen und KundInnen zu sein, in den Geisteswissenschaften z.B. durch Digital Humanities Projekte. Bibliotheken können den digitalen Forschungsprozess unterstützen. Besonders diskutiert werden momentan ja Forschungsdaten, sich hier zu engagieren wäre quasi im Sinne des damaligen Vortrags.  

 

Trotzdem sind veränderte Fachreferate noch relevant. In der bibliothekarischen Ausbildung wird teilweise noch ein starker Schwerpunkt auf "klassische" Fachbereichsarbeit gelegt. Was muss, was wird sich ändern?

Es passieren einige gravierende Umwälzungen. Wenn Open Access sich so durchsetzt, wird das eine vollständige Transformation, die die Erwerbung radikal verändert! Wir würden weniger kaufen, dafür mehr kuratieren. Die Informationsvermittlung verändert sich stark, statt Bibliotheksschulungen steht die wissenschaftliche Arbeit im Vordergrund, z.B. beim Publizieren. Und die Erschließung erfolgt teilweise automatisch und noch mehr auf Basis von Verlagsdaten und wird dadurch zunehmend unwichtiger, außer für Sonderfälle. Die Ausbildung muss sich anpassen, auf das Pauken von Regelwerken kann fast vollständig verzichtet werden und prüfungsrelevant sollten diese auch nicht sein. In der täglichen Arbeit kann man diese sowieso nachschlagen. Wichtiger sind doch die Konzepte dahinter und moderne Technologien. Webstandards, wie schema.org und andere Ontologien, Verständnis für KI und moderne Werkzeuge sind entscheidend. Die Menschen, die jetzt in der Ausbildung sind, werden in ihrem Beruf Innovationen erleben und vorantreiben und brauchen daher neue, innovative Ausbildungsinhalte. Da fehlt auch Austausch. 

 

Inwiefern?

Wir möchten uns InformationsspezialistInnen nennen, haben aber intransparente und veraltete Ausbildungs- und Studienformate. Wieso findet nicht mehr Austausch zwischen den Studiengängen statt? Es braucht Kooperationen, um gemeinsam das beste Curriculum zu entwickeln. Alternative Angebote, wie Library Carpentry, setzen sehr hohe Standards bei Inhalten und Didaktik. Unsere bibliothekarische Ausbildung muss wieder auf der Höhe der Zeit sein.

 

Openness, Community-building, Discovery - viele neue Aufgabengebiete für BibliothekarInnen. Wie passt da das Sprichwort "Schuaster, bleib bei deine Leisten"?

Neue Entwicklungen dürfen nicht willkürlich werden, nicht alle müssen perfekte ProgrammiererInnen sein. Stattdessen sollten wir uns von unseren klassischen Kenntnissen aus neue Tools erschließen. Da ist der Ansatz der Carpentries super: handwerklich, ohne übermäßige Theorie digitale Fähigkeiten erlernen. Wir müssen anderen Berufsgruppen keine Konkurrenz machen, nur unseren Werkzeugkasten erneuern.

 

 

Luis Moßburger (Kurs 2016/19)

Bild: https://pixabay.com/photos/keys-workshop-mechanic-tools-1380134/

Meinungen?

1 Kommentar(e)

RS |

19. August 2019

Danke für das Interview!